Pavel Richter ist Geschäftsführer des Fördervereins Wikimedia Deutschland. Im Interview spricht er über Technikprobleme, Betriebsblindheit und die Macht des Wissens.von Ben Schwan
diese jungen ehrenamtlichen sind kaum zugänglich für gute argumente. es ist mir seit jahren schon zu dämlich dort groß etwas verändern zu wollen, wenn ich aber doch in einem artikel krasse fehler entdecke und darauf aufmerksam mache, wird es in der regel einfach zurückgesetzt und behauptet, so wie es sei, sei es gut.
die machtverteilung ist in der tat sehr unausgewogen. der soziologe stegbauer hat dazu auch ein nettes buch geschrieben (http://user.uni-frankfurt.de/~chris/DFG-Projekt/) wo schließlich klar wird, dass die gruppe kleingehalten wird und kaum neue geduldet werden. es geht eben nicht nur darum wer in bestimmten gebieten etwas weiß. das lässt sich auch etwa daran erkennen, dass mancher admin (und es sind ja wirklich fast nur männer) durch fleißarbeit, also quantität statt qualität ins amt gehoben wurde.
und diese quantität spiegelt sich dann auch in der wikipedia wider. zwar wird rigoros gelöscht, wovon der admin noch nie etwas gehört hat, handelt es sich hingegen um bekanntere themen wie etwa die sängerin nelly furtado, dann reicht es nicht aus, einen eigenen artikel aufzustellen, nein, es bedarf eines extra artikels über gewonnene oder nicht gewonnene auszeichnungen (https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Liste_der_Auszeichnungen_von_Nelly_Furtado).
da hört mein verständnis leider auf, es erschließt sich mir nicht, warum dieses detailwissen in ein lexikon gehört. auf einer musikseite oder ähnlichem bitte gerne.
an sich ist wikipedia allerdings ein gutes projekt, auch wenn es durch die entstandende hierarchie und deren gebrauch nicht in allzu hellem licht steht. sollen sie es kommerziell machen, dann kümmert mich das nicht mehr, aber diese pseudo du-kannst-auch-mitmachen-schiene ist einfach ein konzept, was seit der etablierung fester eliten in der wikipedia nicht mehr funktioniert.
denn es gilt rang > wissen
14.01.2011 02:08 Uhr
von Zinnmann:
@Greg Pipe: Wenn Du annimmst, dass jeder Musiker, der in der breiten Öffentlichkeit steht, einen Artikel verdient hat, verschiebst Du das Problem nur auf eine andere Ebene. Was ist Öffentlichkeit? Was ist eine breite Öffentlichkeit? Ist jedes Kind, das vor Tanten und Onkels spielt, ein in der Öffentlichkeit auftretender Musiker. Bin ich ein öffentlich auftretender Musiker, wenn ich von meinem Balkon der Nachbarschaft schauderhaft schlecht intonierte Arien in die Ohren brülle? Ist der hochbegabte Violinstudent in der Fußgängerzone ein "breitenwirksamer" Musiker, auch wenn er erst in 10 Jahren von seiner Musik leben kann? Wo ziehst Du die Grenze? Und falls Du keine Grenze ziehen willst: Wie glaubst Du, in Zukunft den Heiner Müller zu finden, von dem Du so viel gehört hast, wenn sich jeder Heiner Müller einen Wikipedia-Artikel basteln kann, nur weil er auch schon mal einen Satz geschrieben hat?
14.01.2011 01:32 Uhr
von Freakipedia:
Wikipedia-Geheimnisse?
Google: "Diderot-Club II"
14.01.2011 00:59 Uhr
von Florian:
@ Greg
Natürlich ist es schwer, eine Messlatte dafür zu finden, ab welchem Bekanntheitsgrad ein Musiker eine Darseinsberechtigung in der Wikipedia hat. Ich denke, dass Zahlen wie Youtube- oder Myspaceviews dafür unerheblich sind. Vielmehr sollte man versuchen, den musikalischen Einfluss auf Andere zu ergründen. Hier kann die Diskussionsseite ihren Dienst erfüllen.
Außerdem gibt es für weniger bekannte Bands unzählige andere Plattformen. Ein Großteil der Informationen die eventuell jüngere Musiker betreffen ist wahrscheinlich auch einfach nichts, was unbedingt in eine Enzyklopädie.
Wo du Recht hast: Es fehlt viel in der deutschen Wikipedia. Hat man den Eindruck, ein grundlegender Aspket fehlt und taucht wohlmöglich in der englischen Version auf, so sollte man sich die Arbeit machen und eine Übersetzung anfangen. Das was du sagst kann ich nachvollziehen. Gleichzeitig verweise ich auf diesen Vorschlag und denke du solltest nicht in Resignation verfallen!
14.01.2011 00:19 Uhr
von Zafolo:
Das Argument der Relevanzdiskussion, die englischsprachiger Wikipedia könne mehr Artikel betreuen und deswegen weniger strenge Relevanzkriterien anlegen, verwechselt Ursache und Wirkung. Es werden so viele neue Artikel gelöscht, dass sehr viele Leute, die mitarbeiten, aufgegeben haben. Helfen kann wahrscheinlich nur ein Fork der Wikipedia, also die Abzweigung einer liberaler verwalteten Version, die ich aus vollem Herzen unterstützen würde.
Wie destruktiv das Argument der Relevanz gehandabt wird, kann man leicht sehen wenn man z.B. mal den englischen und den deutschen Artikel zu Peak Oil vergleicht: Der englische Artikel ist eine Einstiegsseite zu einer ganzen Sammlung von Artikeln, die beim grundlegendem und allgemeinen starten und den Lesern je nach Interesse immer spezialisiertere Inhalte anbieten. Der deutsche Artikel ist eine einzelne Seite mit rudimentärem Charakter, die gerade mal wieder um nicht relevante Abschnitte gekürzt wird.
Es macht keinen Spaß, an so etwas mitzuarbeiten.
13.01.2011 18:00 Uhr
von Achim:
@Greg: Kannst du den/die Musiker benennen, von denen dir ein solches Vorgehen bekannt ist?
13.01.2011 17:22 Uhr
von Greg Pipe:
Finde diese Relevanzdiskussion völlig unsinnig und das ist auch der Hauptgrund wieso ich keine Artikel für Wikipedia mehr erstelle.
Zum Beispiel werden Artikel über, der breiten Öffentlichkeit weniger bekannte, Musiker einfach gelöscht.. Wer nimmt sich hier bitte das Recht raus und wo ist der Sinn? Wenn der Artikel gut ist muss man ihn ja nicht weiter betreuen.
Jeder Musiker der in der Öffentlichkeit steht hat auch Leute die ihn gerne hören, also Relevanz. Nur mal so als Beispiel. Das gilt auch für alle anderen Themenbereiche.
Keine Ahnung was damit bezweckt werden soll und in der englischen Wiki gibt es dieses Problem bei weitem nicht in diesem Ausmaß! Es stimmt ganz einfach nicht was der Kollege hier sagt.
Leserkommentare
14.01.2011 11:22 Uhr
von emil:
diese jungen ehrenamtlichen sind kaum zugänglich für gute argumente. es ist mir seit jahren schon zu dämlich dort groß etwas verändern zu wollen, wenn ich aber doch in einem artikel krasse fehler entdecke und darauf aufmerksam mache, wird es in der regel einfach zurückgesetzt und behauptet, so wie es sei, sei es gut.
die machtverteilung ist in der tat sehr unausgewogen.
der soziologe stegbauer hat dazu auch ein nettes buch geschrieben (http://user.uni-frankfurt.de/~chris/DFG-Projekt/) wo schließlich klar wird, dass die gruppe kleingehalten wird und kaum neue geduldet werden. es geht eben nicht nur darum wer in bestimmten gebieten etwas weiß.
das lässt sich auch etwa daran erkennen, dass mancher admin (und es sind ja wirklich fast nur männer) durch fleißarbeit, also quantität statt qualität ins amt gehoben wurde.
und diese quantität spiegelt sich dann auch in der wikipedia wider. zwar wird rigoros gelöscht, wovon der admin noch nie etwas gehört hat, handelt es sich hingegen um bekanntere themen wie etwa die sängerin nelly furtado, dann reicht es nicht aus, einen eigenen artikel aufzustellen, nein, es bedarf eines extra artikels über gewonnene oder nicht gewonnene auszeichnungen (https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Liste_der_Auszeichnungen_von_Nelly_Furtado).
da hört mein verständnis leider auf, es erschließt sich mir nicht, warum dieses detailwissen in ein lexikon gehört. auf einer musikseite oder ähnlichem bitte gerne.
an sich ist wikipedia allerdings ein gutes projekt, auch wenn es durch die entstandende hierarchie und deren gebrauch nicht in allzu hellem licht steht.
sollen sie es kommerziell machen, dann kümmert mich das nicht mehr, aber diese pseudo du-kannst-auch-mitmachen-schiene ist einfach ein konzept, was seit der etablierung fester eliten in der wikipedia nicht mehr funktioniert.
denn es gilt rang > wissen
14.01.2011 02:08 Uhr
von Zinnmann:
@Greg Pipe: Wenn Du annimmst, dass jeder Musiker, der in der breiten Öffentlichkeit steht, einen Artikel verdient hat, verschiebst Du das Problem nur auf eine andere Ebene. Was ist Öffentlichkeit? Was ist eine breite Öffentlichkeit? Ist jedes Kind, das vor Tanten und Onkels spielt, ein in der Öffentlichkeit auftretender Musiker. Bin ich ein öffentlich auftretender Musiker, wenn ich von meinem Balkon der Nachbarschaft schauderhaft schlecht intonierte Arien in die Ohren brülle? Ist der hochbegabte Violinstudent in der Fußgängerzone ein "breitenwirksamer" Musiker, auch wenn er erst in 10 Jahren von seiner Musik leben kann? Wo ziehst Du die Grenze? Und falls Du keine Grenze ziehen willst: Wie glaubst Du, in Zukunft den Heiner Müller zu finden, von dem Du so viel gehört hast, wenn sich jeder Heiner Müller einen Wikipedia-Artikel basteln kann, nur weil er auch schon mal einen Satz geschrieben hat?
14.01.2011 01:32 Uhr
von Freakipedia:
Wikipedia-Geheimnisse?
Google: "Diderot-Club II"
14.01.2011 00:59 Uhr
von Florian:
@ Greg
Natürlich ist es schwer, eine Messlatte dafür zu finden, ab welchem Bekanntheitsgrad ein Musiker eine Darseinsberechtigung in der Wikipedia hat.
Ich denke, dass Zahlen wie Youtube- oder Myspaceviews dafür unerheblich sind.
Vielmehr sollte man versuchen, den musikalischen Einfluss auf Andere zu ergründen. Hier kann die Diskussionsseite ihren Dienst erfüllen.
Außerdem gibt es für weniger bekannte Bands unzählige andere Plattformen. Ein Großteil der Informationen die eventuell jüngere Musiker betreffen ist wahrscheinlich auch einfach nichts, was unbedingt in eine Enzyklopädie.
Wo du Recht hast: Es fehlt viel in der deutschen Wikipedia. Hat man den Eindruck, ein grundlegender Aspket fehlt und taucht wohlmöglich in der englischen Version auf, so sollte man sich die Arbeit machen und eine Übersetzung anfangen.
Das was du sagst kann ich nachvollziehen. Gleichzeitig verweise ich auf diesen Vorschlag und denke du solltest nicht in Resignation verfallen!
14.01.2011 00:19 Uhr
von Zafolo:
Das Argument der Relevanzdiskussion, die englischsprachiger Wikipedia könne mehr Artikel betreuen und deswegen weniger strenge Relevanzkriterien anlegen, verwechselt Ursache und Wirkung. Es werden so viele neue Artikel gelöscht, dass sehr viele Leute, die mitarbeiten, aufgegeben haben. Helfen kann wahrscheinlich nur ein Fork der Wikipedia, also die Abzweigung einer liberaler verwalteten Version, die ich aus vollem Herzen unterstützen würde.
Wie destruktiv das Argument der Relevanz gehandabt wird, kann man leicht sehen wenn man z.B. mal den englischen und den deutschen Artikel zu Peak Oil vergleicht: Der englische Artikel ist eine Einstiegsseite zu einer ganzen Sammlung von Artikeln, die beim grundlegendem und allgemeinen starten und den Lesern je nach Interesse immer spezialisiertere Inhalte anbieten. Der deutsche Artikel ist eine einzelne Seite mit rudimentärem Charakter, die gerade mal wieder um nicht relevante Abschnitte gekürzt wird.
Es macht keinen Spaß, an so etwas mitzuarbeiten.
13.01.2011 18:00 Uhr
von Achim:
@Greg:
Kannst du den/die Musiker benennen, von denen dir ein solches Vorgehen bekannt ist?
13.01.2011 17:22 Uhr
von Greg Pipe:
Finde diese Relevanzdiskussion völlig unsinnig und das ist auch der Hauptgrund wieso ich keine Artikel für Wikipedia mehr erstelle.
Zum Beispiel werden Artikel über, der breiten Öffentlichkeit weniger bekannte, Musiker einfach gelöscht.. Wer nimmt sich hier bitte das Recht raus und wo ist der Sinn? Wenn der Artikel gut ist muss man ihn ja nicht weiter betreuen.
Jeder Musiker der in der Öffentlichkeit steht hat auch Leute die ihn gerne hören, also Relevanz. Nur mal so als Beispiel. Das gilt auch für alle anderen Themenbereiche.
Keine Ahnung was damit bezweckt werden soll und in der englischen Wiki gibt es dieses Problem bei weitem nicht in diesem Ausmaß! Es stimmt ganz einfach nicht was der Kollege hier sagt.