Schulden & Abhängigkeit: Wenn die Devisen fehlen
Malawi ist politisch seit Jahrzehnten souverän, wirtschaftlich aber stark auf internationale Kreditgeber angewiesen. Die Folgen sind bis zur Ladentheke spürbar
Benadetta Chiwanda MiaBlantyre, Malawi
Jeden Morgen, wenn Edward Mbeleko seinen Laden im Zentrum von Malawis Metropole Blantyre aufschließt, beschäftigt ihn eine Frage: Wird er genügend Devisen bekommen, um seine Lagerbestände aufzufüllen?
Mbeleko verkauft Elektrogeräte und Sanitärbedarf. Den Großteil der Waren importiert er selbst. Doch US-Dollar sind knapp geworden. Mbeleko zufolge erhöhen die Lieferanten deshalb immer wieder ihre Preise, manche Waren lassen sich nur mit langer Wartezeit nachbestellen. Die Folgen bekommen die Kunden zu spüren. Wer früher größere Mengen einkaufte, kann sich heute oft nur noch wenig leisten. Andere gehen ganz ohne Einkauf wieder nach Hause.
„Wenn wir bei der Bank Devisen beantragen, müssen wir immer länger warten – und bekommen am Ende trotzdem nichts“, sagt Mbeleko. Deshalb seien er und andere Händler gezwungen, Dollar auf dem Schwarzmarkt zu kaufen – zu völlig überhöhten Kursen. Diese Kosten schlagen auf die Preise der Waren durch, sagt der Händler. Seit einigen Jahren sei es deshalb schwierig, das Geschäft zu führen. Die Preise schwankten ständig, während viele Kunden zunehmend Schwierigkeiten hätten, sich die Waren überhaupt noch leisten zu können.
Die Verhandlungen zwischen der Regierung und internationalen Kreditgebern hat Mbeleko nach eigenen Angaben nie verfolgt. Doch die Verhandlungen bestimmen seinen Alltag: Sie zeigen sich in verspäteten Lieferungen, steigenden Preisen und Kunden, die Waren wieder ins Regal legen, sobald sie ihr Budget übersteigen.
Mbelekos Lage zeigt ein Problem, mit dem Malawi und viele andere afrikanische Länder konfrontiert sind: Was bedeutet wirtschaftliche Souveränität, wenn die Entscheidungen über die eigene Wirtschaft zunehmend von globalen Finanzsystemen geprägt werden?
Malawi erlangte 1964 politische Unabhängigkeit. Wirtschaftlich kämpft das Land jedoch bis heute um größere Eigenständigkeit. Devisenknappheit und schwaches Wirtschaftswachstum haben Regierungen reihenweise dazu gezwungen, sich im In- und Ausland stark zu verschulden, um Entwicklungsprojekte und laufende Staatsausgaben zu finanzieren. Heute liegt die öffentliche Verschuldung bei rund 75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der finanzielle Spielraum der Regierung ist dadurch stark eingeschränkt.
Der malawische Staatshaushalt für das Jahr 2026/2027 beläuft sich auf insgesamt etwa elf Billionen Malawische Kwacha, umgerechnet 6,8 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig klafft ein Haushaltsdefizit von fast 3 Billionen Kwacha, was rund einem Zehntel des BIP entspricht. Und so wachsen allein die öffentlichen Zinszahlungen Schätzungen zufolge auf geschätzt rund 2,8 Billionen Kwacha – fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. Der malawische Staat muss wohl auch in diesem Jahr neue Kredite aufnehmen, um das Haushaltsdefizit zu finanzieren und Schulden bedienen zu können.
Der malawische Ökonom Marvin Banda hält eine Kreditaufnahme an sich nicht für ungewöhnlich. Jedes Land mache Schulden. „Die entscheidende Frage ist, wie effizient wir die Mittel einsetzen und ob die Investitionen genügend Wirtschaftswachstum erzeugen, um die Kredite zurückzahlen zu können“, sagt Banda.
Bertha Bangara Chikadza, Dozentin für Volkswirtschaftslehre an der University of Malawi und Präsidentin der Economics Association Malawi, sieht das ähnlich. Für einkommensschwache Länder, deren eigene Einnahmen nicht ausreichen, um den wachsenden Investitionsbedarf zu decken, bleibe die Kreditaufnahme eine wichtige Finanzierungsquelle.
„Die Frage ist, ob die Verschuldung langfristig tragfähig bleibt und ob sie eine nachhaltige Entwicklung ermöglicht“, sagt sie.
Beide Ökonom:innen sind sich einig: Ausländische Finanzierung verschafft Ländern Zugang zu Kapital, das ihnen andernfalls nicht zur Verfügung stünde. Doch solche Partnerschaften sind an Bedingungen geknüpft. Dazu gehören Haushaltskonsolidierung, Reformen im öffentlichen Finanzmanagement und Maßnahmen zur Stabilisierung der Gesamtwirtschaft. Sie sind mittlerweile feste Bestandteile von Programmen internationaler Institutionen wie des Internationalen Währungsfonds (IWF).
So muss Malawis Haushaltsdefizit von 9 Prozent des BIP reduziert und das Steuersystem reformiert werden. „Wenn die Regierung diese Ziele nicht erreicht, könnten Kapitalzuflüsse ausbleiben und die Wirtschaft in eine Zahlungsunfähigkeit geraten“, sagt Chikadza.
Jeder Staatshaushalt werde damit zu einem Balanceakt: Einerseits müssen dringend benötigte Investitionen in soziale und wirtschaftliche Entwicklung finanziert werden. Andererseits müssen die öffentlichen Finanzen so solide bleiben, dass auch künftig Zugang zu Finanzierung besteht.
Die Entscheidungen, die in Ministerien, Finanzinstitutionen und Hauptstädten getroffen werden, kommen übersetzt in Wechselkurse und Kaufkraft auch an der Ladentheke des Händlers Mbeleko in Blantyre an. Läuft es schlecht, fragen sich immer mehr Kunden: Kann ich mir das noch leisten?
Malawi verhandelt derzeit mit dem IWF über ein Programm, das dem Land dringend benötigte Devisen zuführen und zugleich anderen internationalen Kreditgebern und Entwicklungspartnern signalisieren soll, dass Malawi auf einem tragfähigen finanzpolitischen Kurs ist.
Es wäre eine wichtige finanzielle Stütze für Malawi. Doch zugleich wächst die Sorge, dass das Land dadurch wie schon 2012, 2022 und 2023 erneut zu einer Abwertung seiner Währung gedrängt werden könnte. Steigende Importpreise wären die direkte Folge. Kritiker fürchten, dass dies die ohnehin fragile Wirtschaft weiter schwächen und die Inflation zusätzlich anheizen würde.
Finanzminister Joseph Mwanamvekha hatte im Juni Befürchtungen, eine Währungsabwertung könne Teil der neuen IWF-Programmauflagen sein, zurückgewiesen. Die Regierung setze auf eine Konsolidierung der Staatsfinanzen, um ein vom Privatsektor getragenes Wachstum anzustoßen.
Ökonomen wie Banda betonen unterdessen, wirtschaftliche Souveränität lasse sich nicht dadurch erreichen, dass ein externer Partner durch einen anderen ersetzt werde. „Sie entsteht vielmehr durch starke Institutionen, produktive Industrien und eine Wirtschaft, die genügend eigenen Wohlstand erwirtschaften kann, um ihre eigenen Ziele zu finanzieren“, sagt er.
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