Ulf Poschardt über die Liebe zu Autos: Ferrari-Fahrer und Hausbesetzer

Der verklemmte und antifreiheitliche Umgang mit Autos, Luxus und Humor ist das Ergebnis moralofunktionaler Schrumpfdebatten von Emissionsklerikern mit Läuterungsfixierung.

»Mein Bild wurde von den Wänden großer Autokonzerne entfernt«: Autor Ulf Poschardt in seinem Ferrari Testarossa in Berlin Foto: Doro Zinn

Von ULF POSCHARDT

Alles fing damit an, dass mein Bild von den Wänden der großen Autokonzerne entfernt und stattdessen das Porträt von Martin Unfried aufgehängt wurde, des E-Autotesters von taz FUTURZWEI. Der neue ideale Kunde der Autoindustrie war nicht mehr länger der geschwindigkeits- und genussverliebte Petrolhead, sondern der ökologisch vorbildliche Mobilitätsmoralist. Die fetten Jahre im Motorenbau waren vorüber. Statt Leistungsgewicht oder ästhetische Exzellenz standen nun CO2-Bilanz und Energieverbrauch im Mittelpunkt. Moral wurde wichtiger als Wissen. Und wie immer beginnen damit Elendsgeschichten. Und kultureller Niedergang.

Man sieht es den Autos an. Sie sehen eher aus wie Martin Unfried als wie Ayrton Senna oder Jeremy Clarkson. Es nennt sich Fortschritt. Die Reaktion auf ein taz-Interview, in dem der Autor dieser Zeilen seine Liebe zu verrückten italienischen Sportwagen bekannte und gleichzeitig daran erinnerte, dass schöne und aufregende Autos nie in ihrer Funktionalität aufgingen, hat für Verwirrung und Empörung gesorgt. Dabei folgte der Impuls zu diesem Interview und seiner Haltung eher einem kulturellen Imperativ der Gründergeneration der alternativen Tageszeitung.

Ich argumentierte wie die Hausbesetzer der 70er-Jahre. Diese hatten damals das linke Dogma zur Lösung der Wohnungsfrage scheinbar nostalgisch beantwortet. Das sozialdemokratische, aber auch christdemokratische Fortschrittsparadigma lautete, dass jeder Arbeiter in einem möglichst neuen Wohnblock vor allem fließend heißes Wasser haben wollte. Dieses Dogma führte zur Zerstörung vieler intakter, aber unsanierter Altbauviertel. Die klugen, oft schwäbischen Hausbesetzer aber sahen in diesen alten Gebäuden weniger eine kohlebeheizte Demütigung für die sozial Schwachen, die darin wohnten, als vielmehr ein Stück lebenswerte Zukunft, das nur liebevoll renoviert werden müsste, um in seiner Modernität verstanden zu werden. Sie überführten die Idee der Nachhaltigkeit in eine sozialmoralisch aufgeladene Gerechtigkeitsdebatte. Sie waren Avantgarde des Nachhaltigen wie Bürgerlichen.

Das Auto als Herzensangelegenheit

Autos sind ähnlich geliebt wie Städte, Dörfer, Häuser. Mobilien wie Immobilien sind Etuis geschützter Individualität. Nimmt man Heideggers Diktum von der Sprache als Haus des Seins dazu, hat man drei entscheidende Lebenswelten zusammensortiert, die eben nicht nur in ihrer moralischen Funktionalität verstanden und gestaltet werden wollen. Um es in einem protestantischen Medium wie taz FUTURZWEI zu unterstreichen: 93 Prozent der Kommunikation sind nonverbal, der Inhalt macht 7 Prozent aus. Und so wie sich die Sprachbändiger ständig auf der Ebene der 7 (SIEBEN!) Prozent um Reinheit bemühen, versuchen die Mobilitätswender alles an der Funktionalität der Mobilität festzumachen. Nicht einmal die mittlere Schwarmintelligenz der Grünen kann verhindern, dass ihre Programmatik in allen Feldern anstehender Reformprojekte im Zweifel (fast instinktiv) auf moralische und moralofunktionale Schrumpfdebatten regrediert. Es macht die Partei schwingungsarm und fragil. Der verklemmte Umgang mit Autos, Luxus und Humor ist ein Ergebnis davon.

E-Mobilität wird erst dann breit und ohne Subventionen geliebt und verstanden werden, wenn es die emotionale und kulturelle Qualität jene Produkte verstanden hat, die das Auto in seiner aufregendsten Gestalt zu einer derartigen Herzensangelegenheit und Leidenschaft für Abermillionen von Menschen gemacht hat. Der erste E-Sportwagen, der so begeistert wie ein Lamborghini Miura oder ein Golf R, wird ähnliche Euphorie erzeugen, ohne dass man mit Sonntagsreden oder Subventionen die Lust dazu synthetisch anheizen muss.

Vielleicht wird es der Tesla Roadster, die Zahlen klingen vernünftig: Höchstgeschwindigkeit über 400 km/h und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in zwei Sekunden. Allein dafür lohnt sich die freie Fahrt für freie Bürger. Aber Zahlen sind nicht alles. Bemerkenswert ist es, wenn Leute, die ihr Auto verkauft haben und mit dem Fahrrad durch ihr Leben daddeln, von den gewonnenen Ampelduellen der Teslas schwärmen. Obwohl das nur mehr für die überwiegend migrantischen Ku’damm-Raser relevant ist, die das zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben. Es geht gewissermaßen genau darum nicht. Natürlich sind die teuersten Teslas sehr schnell, wenn auch nur kurze Zeit. Sie beschleunigen kühl und kalt und außer dem Kick, den das auslösen mag, bleiben sie schwere, unsinnliche Geräte. So sehen sie auch aus.

Ferrarifahrer in der Tradition Kreuzberger Hausbesetzer

Um jetzt hier alle superökologischen Leser:innen zu beruhigen: Natürlich wird es die feinsinnig symphonische Hochkultur der Mobilität irgendwann auch mit E-Antrieb geben. Eher bald als spät. Auch wenn jetzt alle Firmen für Peter und Martin Unfried Autos bauen, bleiben Freaks wie ich eine Zielgruppe. Ich vermute, es werden italienische Marken oder die eine aus BaWü sein, die das bringen. Es wird etwas geben, was bislang vor allem eine Domäne lauter, großvolumiger, üppig Benzin verbrennender Zwölfzylinder war. Ferrari weist den Weg mit ihrem neuen Mittelmotorhybrid. Er hat einen downsized Sechszylinder anstatt der üblichen acht Zylinder und einen krassen E-Motor, der den Verbrauch drastisch drosselt und gleichzeitig die alte, hysterische, ans Wahnsinnige grenzender Performance rettet. Dieser neue, superökologische Ferrari hat 840 PS.

Der Testarossa-Liebhaber bleibt in der Tradition jener Hausbesetzer in Kreuzberg und Charlottenburg. Klimaneutrale Mobilität wird kommen, aber auf dem Weg dorthin darf nicht alles an Kultur ausgerissen und zerstört werden, was uns mit all den dialektischen Verwerfungen dorthin gebracht hat, wo wir dank Visionären wie Enzo Ferrari oder Ferdinand Porsche heute stehen.

Erstaunlich ist, dass dieser Versuch, der oft sinnlosen, zeitgenössischen Mobilität eine Reflektiertheit und Bewusstheit zurückzugeben, deshalb so provoziert, weil er sich nicht in die Entfremdungslogik und kühle Mathematik von Emissions-Klerikern einordnen will. Die Fahrer und Genießer eines Oldtimers benutzen ihr Fahrzeug in der Regel deutlich weniger als jene mit ihren unzähligen Diesel-Kombis durch die Gegenwart pendelnden Vernunft-Menschen.

Die Sportwagen- und Oldtimer-Communities, ein buntscheckiger Mix von Akademikern und Mechanikern, wäre ein idealer Bündnispartner für eine Mobilitätswende abseits verbitterter Verbotstriebe. Doch all die ausgestreckten Hände bleiben unerwidert. Ausnahme ist der ADFC und die taz. Sonst bleiben die Ökomoralisten unter sich und glauben mit ihrer Läuterungsfixierung und ihrem neoprotestantischen Spieß irgendetwas Konstruktives zu leisten. Sie verstehen Innovation nicht, weil sie die Geschichten der Innovation nicht kennen. Sie bleiben in einer heideggerschen Technikfeindlichkeit verstrickt, auch wenn sie lippenbekenntnishaft natürlich auch »Innovation« wollen. Aber man glaubt es ihnen nicht, weil sie selbst nicht an die Innovation glauben.

Die grüne Vision ist eine öde, enge, reaktionäre Welt

Schlimmer ist die Vergiftung der Diskurse, sind die Unterstellungen, die wahnwitzigen Vorwürfe, auch von sogenannten »Verkehrsforschern« wie Professor Knie, der mich in einer DLF-Talkrunde mehrfach ungestraft einen »Gefährder« nennen darf, weil ich auf Autobahnen ohne Tempolimit bestehe. (Def.: Ein »Gefährder« ist eine Person, zu der bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung, insbesondere solche im Sinne des § 100a der Strafprozessordnung, begehen wird.) Vordenker der grünschwarzen Superkoalition vulgarisieren mit Begriffen wie »Brummbrummliberalismus« jede Form von reflektierter Differenzierung in den Debatten um die Verkehrswende. Überall schimmern persönliche Konflikte auf. Es geht vor allem um den eigenen Lebensweg, der ohne einen Hauch Selbstironie verklärt wird. Diese Unsouveränität macht das grüne Milieu kulturell regierungsunfähig.

Das beste Wahlplakat der Grünen war das der jungen, ziemlich blonddeutschen Familie im teuren Lastfahrrad in einem bourgeoisen Park, mit dem Mann am Lenkrad. Es ist die grüne Vision und das Gesellschaftsmodell auf einen Blick. Es ist eine öde, enge, eigentlich reaktionäre Welt, wenn ich mir Leben und Alltag meiner driftenden Petrolhead-Genossin und Oldtimer-Rennfahrerin Gaby von Oppenheim so ansehe.

Wer es ernst meint mit Fortschritt, muss die Parteien wählen, die Freiheit zur Innovation zulassen. Deswegen sollten die Ökoliberalen lesen, wie der Klimapolitiker Lukas Köhler das für die FDP skizziert hat. Zudem sei die taz empfohlen, die unlängst Boris Johnson als mutigsten Öko-Visionär Europas gefeiert hat. Mit beeindruckenden Zahlen. Wer das will, wählt FDP. Wer moralische Reinheit ohne Fortschritt will, ist bei den Grünen weiterhin richtig. Das ist ja am Ende auch der bürgerlichste Angang in der Politik: den eigenen Lebensentwurf großzügig zu generalisieren.

ULF POSCHARDT ist Chefredakteur der WELT-Gruppe und Sprecher der Geschäftsführung. Sein Buch Mündig (Klett-Cotta) sieht Freiheit und Nachhaltigkeit als Geschwister im Geiste.

Dieser Beitrag ist in taz FUTURZWEI N°18 erschienen.

.
.