Steglitz und die Fridays-for-future-Demo

Szenen des Untergangs am Rathaus

Premiere für das gutbürgerliche Steglitz, Jugendliche von „Fridays for future“ demonstrieren erstmals im Bezirk.

Klimastress, auch in Steglitz Bild: Torben Becker

von TORBEN BECKER

Zwischenzeitlich werden alle sterben und wieder auferstehen. Im gutbürgerlichen Berlin-Steglitz fand am 13. September 2019 wie in anderen Berliner Stadtteilen die erste Bezirkskundgebung von Fridays for Future statt. Sie gilt als Vorbereitung zum internationalen Klimastreik am 20. September 2019.

Rund 100 Teilnehmer:innen singen, rufen und skandieren ihre Forderungen nach einer gerechteren Welt in den gestressten Freitagmittagverkehr am Hermann-Ehlers-Platz. Die Politik müsse jetzt etwas ändern, es sei höchste Zeit. Passant:innen sehen das ganz ähnlich. Vom Kopfschütteln über Schule schwänzende Drückeberger:innen keine Spur.

Die Herbstsonne drängt sich durch die Platanenkronen auf den Platz. Hier haben die Schüler:innen vor dem zentralen Springbrunnen ein kleines Podest aus drei Europaletten improvisiert. Nach den ersten Gesangs- und Tanzeinlagen hält Roberto den ersten Redebeitrag. Als Student an der Freien Universität Berlin ist er wesentlich älter als das Gros des Publikums. Die Kundgebung wurde von Schüler:innen organisiert.

Im Stimmbruchvibrato

Er wirkt wie ein Klimarrockstar – mit im Wind wehenden dunklen Locken zürnt er dem scheuen zaghaften Kontakt mancher Gewerkschaften zu Fridays for Future. Zwischen den Arbeiter:innen und Fridays for Future müsse aber ein enger Schulterschluss vollzogen werden. Das gelinge erst dann, wenn die Gewerkschaften den bevorstehenden Klimastreik zum Generalstreik ausrufen. Er ist überzeugt: „Wenn die Wirtschaft einen Tag lahm liegt“, dann würden die Forderungen von der Politik ernstgenommen.

Und diese beginnen mit einer Abschaltung von 25 Prozent der Kohlekraft bis Ende 2019. Bis 2030 soll der Kohleausstieg zu 100 Prozent vollzogen sein. Um das 1,5-Grad-Ziel gänzlich einzuhalten, müssten bis 2035 alle C02-Emissionen auf die Nettonull reduziert und Energie zu 100 Prozent aus Erneuerbaren gewonnen werden.

Im Stimmbruchvibrato werden die Forderungen von einem Chor beflügelt: „What do we want? Climatejustice! And when do we want it? Now!“

Keine Zwischenfälle

Dann sterben alle. Jung und Alt liegt verstreut auf dem Platz herum, nur die Musik tönt noch aus dem Lautsprecher. Die Aktivist:innen inszenieren hier ein sogenanntes Die-In, eine gewaltlose Aktionsform. Mit ihrem eigenem symbolischen Tod wollen sie auf ein unausweichliches Aussterben von Mensch und Tier aufmerksam machen, sofern der Klimaschutz weiterhin vernachlässigt wird. Nach wenigen Minuten in der Spuk vorbei.

Ob Symbolik aber schnelle Veränderungen zeitigt, ist sich Ellen Peine unsicher. „Leider keine Zeit“ steht in bunten Lettern auf ihrem Schild. Die mittelalte Frau mit dem blondem Kurzhaarschnitt, Brille und Rucksack ist heute bei ihrer ersten FFF-Kundgebung und weiß: „Die Forderungen von Fridays for Future sind wissenschaftlich gestützt, nachvollziehbar und in gewisser Weise radikal. Radikaler könnten aber die Maßnahmen für die Forderungen sein. Man könnte am Montagmorgen ja mal die Avus blockieren“, gibt sie zu bedenken und grinst schelmisch.

Das ist sicherlich kein Konsens der Bewegung. Ziel aber ist es nachhaltigen Einfluss auf die Politik zu üben. Die Aktivist:innen erhoffen sich von dem bevorstehenden internationalen Klimastreik den Anstoß für eine bessere Klimapolitik.

Pünktlich auf die Minute endet die Kundgebung am Rathaus Steglitz. Zwischenfälle mit der beaufsichtigenden Polizei gab es keine.

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