Sönke Neitzel über militärische Fehler: Der Untergang der Blücher

Die Nazis wollten das nicht verteidigungsbereite Norwegen über Nacht besetzen. Doch Admiral Oskar Kummetz machte einen Fehler.

Die brennende Blücher kentert Foto: gemeinfrei

Von SÖNKE NEITZEL

Es war eine dunkle, kalte Neumondnacht und zu allem Übel lag über dem Wasser nebeliger Dunst. Mit langsamer Fahrt schlichen ein Dutzend deutsche Kriegsschiffe in den ersten Stunden des 9. April 1940 abgedunkelt durch den Oslofjord. Ihr Ziel war die norwegische Hauptstadt. Um 5.20 Uhr sollten sie im Hafen anlegen und ihr Flaggschiff Blücher würde dort mächtig Eindruck auf die Norweger machen. Ein Stoßtrupp sollte dann die wenigen hundert Meter vom Hafen zum Schloss hinübereilen, König Håkon VII. und seine Regierung festsetzen. Der Coup sollte der Auftakt zur überraschenden Besetzung des neutralen Landes durch die Wehrmacht sein. Norwegen hatte es bis dahin geschafft, sich aus dem Krieg herauszuhalten. Es lieferte den Deutschen Eisenerz, stand politisch aber eher an der Seite der Briten. Denen waren die Rohstofflieferungen an ihren Feind ein Dorn im Auge und sie schmiedeten Pläne, dies militärisch zu unterbinden.

Doch Hitler kam dem zuvor: Er wollte gleich ganz Norwegen und Dänemark besetzten, um sich eine bessere strategische Ausgangsposition im Kampf gegen Großbritannien zu sichern. Skrupel, ein neutrales Land zu überfallen, hatte in Berlin niemand. Allerdings war die Operation riskant. Die Deutschen mussten angesichts der britischen Übermacht zur See hoffen, die Norweger schnell zu überrumpeln, um einen langen und verlustreichen Kampf zu vermeiden.

Falls das völkerrechtswidrige Husarenstück in Oslo glückte, konnte alles ganz schnell und ohne große Gefechte ablaufen, so hoffte man. Doch in diesen Nachstunden des 9. April standen die Zeichen nicht gut: Am Eingang des Oslofjords, rund 100 Kilometer südlich der Hauptstadt, waren die Deutschen von einem Wachboot gemeldet worden. Die norwegische Regierung war also gewarnt, gab den Befehl, die Leuchtfeuer zu löschen und Widerstand zu leisten. Um 5.20 Uhr standen die Schiffe vor der engsten Stelle des Fjords, nahe des kleinen Ortes der Drøbak. Man war spät dran, sollte eigentlich längst im 35 Kilometer entfernten Oslo sein. Doch Admiral Oskar Kummetz, der deutsche Befehlshaber, wollte in dunkler Nacht nicht schneller fahren. Nun dämmerte es bereits, die Schiffe waren von Land gut zu erkennen. Der Fjord war hier nur 500 Meter breit und man musste an der Festung Oscarsborg vorbei. Der Kapitän der Blücher, Heinrich Woldag, riet dazu, zumindest jetzt die Geschwindigkeit zu erhöhen, aber Admiral Kummetz lehnte ab.

Das Schiff brannte lichterloh und sank zwei Stunden später

Auf Oscarsborg hatte Oberst Birger Eriksen die ganze Nacht versucht, klare Befehle zu bekommen. Doch es gab keine Verbindung nach Oslo. Er musste allein entscheiden, was zu tun war. Die allermeisten seiner Soldaten waren Rekruten, die erst eine Woche zuvor eingezogen worden waren. Mit diesen bemannte er so gut es ging zwei seiner drei 28-Zentimeter–Geschütze, die – eine Ironie der Geschichte – 1893 von Krupp gebaut worden waren. Außerdem verfügte Eriksen noch über eine Torpedobatterie. Allerdings war deren Kommandeur seit März krank. In der Nacht wurde daher eilig Andreas Anderssen, ein seit Langem im Ruhestand befindlicher Offizier, ans Telefon geholt und nach Oscarborg beordert. Eriksen wusste, dass ein fremder Schiffsverband den Fjord heraufkam – ob Deutsche oder Engländer war allerdings nicht klar. Aber er vermutete, es müssten Deutsche sein.

Als die Blücher nur noch 1.800 Meter von der Festung entfernt war, gab er seinen beiden Geschützen den Feuerbefehl. Die Granaten trafen den Kreuzer und richteten schwere Schäden an. Auch von der anderen Fjordseite wurde die Blücher nun beschossen. Schließlich lief sie mit langsamer Fahrt wie eine Zielscheibe an der Torpedobatterie vorbei. Andreas Anderssen konnte gar nicht vorbeischießen und zwei seiner 40 Jahre alten Torpedos trafen den Kreuzer. Das Schiff brannte lichterloh und sank zwei Stunden später. Knapp 600 Mann der Besatzung und der eingeschifften Soldaten kamen an Bord oder im eiskalten Wasser ums Leben. Die anderen Schiffe des Verbandes zogen sich zurück. Eriksen hisste am Abend nach einem langen Bombardement durch die Luftwaffe die weiße Fahne. Er hatte seine Aufgabe erfüllt und den deutschen Verband entscheidende Stunden aufgehalten.

Die norwegische Regierung erhielt um 5.20 Uhr – zur selben Zeit tobte die Schlacht in der Drøbak-Enge – ein Ultimatum ausgehändigt, sich dem Einmarsch der Wehrmacht nicht entgegenzustellen. Die Regierung lehnte empört ab. Unterdessen war Erich Schreiber – der deutsche Marineattaché – an den Hafen geeilt und wartete ungeduldig auf das Eintreffen der Blücher, die just in diesem Moment hatte anlegen sollen. Stunde um Stunde verging. Doch die Blücher kam nicht. König, Regierung und Parlament hatten genug Zeit, um am Vormittag des 9. April die Hauptstadt zu verlassen und 100 Kilometer nördlich von Oslo ein provisorisches Quartier aufzuschlagen. Dort bekräftigten sie den Entschluss, Widerstand zu leisten. Eine schnelle Besetzung des Landes – so wie von den Deutschen erhofft – war damit nicht mehr möglich. Die Eroberung Norwegens dauerte anschließend zwei volle Monate. Köng Håkon wurde schließlich zusammen mit dem ebenfalls aus Oslo evakuierten Goldschatz von einem britischen Kriegsschiff nach England gebracht und leitete dort die norwegische Exilregierung.

Militärische Fehler ereignen sich in Kriegen zuhauf

Die Deutschen haben gleich mehrere Fehler begangen, die die Festnahme der norwegischen Regierung verhinderten. Überoptimistisch glaubte Admiral Kummetz nicht daran, dass die Festung Oscarsborg Widerstand leisten würde. Nach der Entdeckung seiner Schiffe am Eingang des Fjords und dem Löschen aller Leuchtfeuer war dies eine allzu kühne Erwartung. Hätte er seine kleineren Torpedoboote vorgeschickt und Truppen auf Oscarsborg gelandet, wäre es den Deutschen wohl rasch gelungen, die Verteidigung niederzukämpfen. Doch Kummetz wollte seinen ursprünglichen Plan nicht umstellen.

Militärische Fehler ereignen sich in Kriegen zuhauf. Der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz beschrieb in seinem berühmten Buch Vom Kriege schon 1832, wie sehr sich die von ihm als Friktionen bezeichneten kleinen Verzögerungen, Missverständnisse und Fehler verhängnisvoll auf den Verlauf von Schlachten und Kriegen auswirken konnten. Er war der Ansicht, dass es aussichtslos sei, solche Friktionen vermeiden zu wollen. Der Krieg war für ihn nicht bis ins Letzte planbar. Auch Helmut von Moltke – von 1857 bis 1888 Chef des preußisch-deutschen Generalstabs – stand in dieser Tradition. Für ihn mussten Offiziere so gebildet und trainiert sein, dass sie im Chaos des Krieges in der Lage waren, auf unvorhergesehene Ereignisse richtig zu reagieren. Generalstabsoffiziere und Kommandeure, die obersten Schlachtenlenker also, waren für ihn keine Manager und keine tumben Befehlsempfänger. Es mussten vielmehr Künstler sein, die intuitiv wussten, was zu tun war, wenn die Dinge nicht so wie beabsichtigt liefen.

Auch die Wehrmacht stand in dieser Tradition, die den Kommandeuren vor Ort viel Handlungsspielraum ließ. Vor Fehlern war man aber trotzdem nicht gefeit. Und ob Admiral Oskar Kummetz ein Künstler war, der auf Friktionen intuitiv richtig reagierte, so wie es die reine Lehre vorsah, muss wohl bezweifelt werden. Immerhin überlebte er seinen Fehler, mit der Blücher voran langsam durch die Drøbak-Enge zu dampfen. Schwimmend erreichte er das Ufer und erhielt später für die missglückte Operation sogar noch einen hohen Orden. Der Kommandant der Blücher, Heinrich Woldag, hatte nicht so viel Glück. Er überlebte den Untergang seines Schiffes zwar auch und erstattete anschließend in Berlin Bericht. Eine Woche später stürzte er aber auf dem Rückflug zur Beerdigung der Gefallenen seiner Besatzung mit einer Ju 52 tödlich ab – ganz in der Nähe der Untergangsstelle der Blücher.

Birger Eriksen hingegen machte an diesem Morgen keinen Fehler. Er wird bis heute in Norwegen für seinen mutigen Entschluss, das Feuer zu eröffnen, als Held verehrt.

SÖNKE NEITZEL ist Professor für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam. Er hat das in 92 Meter Tiefe liegende Wrack der Blücher in den Jahren 2004 bis 2006 viermal betaucht.