So liefen 12 Stunden taz im Livestream: Einfache Fragen, extreme Antworten

12 Stunden, zwei Moderator:innen, 39 Gäste, ein linkes Medienhaus – das war der Kosmos namens „12 Stunden taz“. Versuch eines Nachberichts über den Kick-off zum Geno-Wochenende.

Von RAOUL SPADA und JANN-LUCA KÜNßBERG

Zwölf Stunden im Angesicht der Webcam, dauerlive, die ganze taz-Lebendigkeit kondensiert auf einen Tag: Katrin Gottschalk, stellvertretende Chefredakteurin und Digitalverantwortliche der taz, sowie Jan Feddersen, Redakteur für besondere Aufgaben, taz lab- und taz Talk-Kurator, saßen von morgens bis abends bis auf 39 Minuten Pause am Vormittag ununterbrochen im Livestream-Marathon vor ihren Laptops und empfingen 39 Gäste aus allen Bereichen der taz und aus ihrem Dunstkreis.

Bei der Planung des dauerhaftesten taz Talks jemals mag auch dieser pandemisch inspirierte Umstand eine Rolle gespielt haben: Eine Rechtsverordnung aus dem April erlaubte für die Coronazeit eine Arbeitszeitverlängerung für systemrelevante Jobs auf zwölf Stunden.

Und weil immer noch Pandemie ist und die taz mindestens relevant für ökologische und soziale Fundamentalkritik, waren wir zwölf Stunden live bei der Arbeit – Talks im Sinne unserer alternativen Tageszeitung. So gab es massenweise Fragen von Leser:innen und Genoss:innen an die taz-internen Gäste und an die taz-12-Stunden-Talk-Moderierenden. Diese, sozusagen, extreme Antwort auf die Frage nach einer Übersetzung der jährlichen Genossenschaftsversammlung ins Digitale ist hierbei auch Krisensymptom: Im Homeoffice fehlt der Abgleich mit der Außenwelt, Menschen suchen die Herausforderung mit sich selbst.

Erstaunlich fresh

Die zwei Moderator:innen rasten die vollen zwölf Stunden mit ihren Gästen irgendwo zwischen Sprint und Dauerlauf durch den Tag, keine Pause mehr als nötig. Verschleißerscheinungen waren höchstens zu erahnen, aber nicht an den Mienen der Moderierenden abzulesen. Ansonsten erkannte auch das Publikum im Livechat auf YouTube: Die beiden sahen auch nach Stunden noch wirklich fresh aus. 

Es wurde über den Kugelblitz der Betriebssportgruppe taz Panter FC gesprochen und über die neue taz App, über gute Frisuren und das Fitnesstraining von Jan Feddersen: „Ich gehe zu Fuß, auch in meiner Wohnung.“  Katrin Gottschalk outete sich als Schlemmerin – wenn Pasta auf der Karte steht, gibt es für sie meist extra Parmesan von den wohlgesonnenen Kolleg:innen der taz Kantine. Zu sehen außerdem: Bücherregale und Wohnungswanddeko von tazler:innen, bunte Rücken von Klassikern der Weltliteratur (mutmaßlich) und nackte Gladiatorenbeine auf einem Bild in der Küche von tazzwei-Redakteur Ambros Waibel.

Der zwölfstündige taz Geno Talk war aber nicht nur eine Rundschau durch das Mobiliar der Mitarbeiter*innen, sondern auch durch den einzig tazzigen, linksradikalen und schon mehr als 40 Jahre währenden Journalismus vom Tunix-Kongress 1978 bis in die schickere Friedrichstraße 21, wenngleich immer noch nahe des Checkpoint Charlie. Einblicke in den taz-Maschinenraum, neue Aufgaben in der Webmasterei, der digitalen Transformation und der Produktentwicklung. Radikaler, sich selbst erneuernder Gründungsgeist, immer noch mit dem Geruch nach Punk, Soul und alter Tinte.

Gegen die taz

Oder wie Inlands-Ressortleiterin Anna Lehmann sagte: nach dem immer noch waltenden „Glauben an das scheinbar Unmögliche”. Nur Helmut Höge, taz-Urgestein und Aushilfshausmeister nach linksradikalem Ideal, gestand, seit dem ersten Tag gegen das Projekt taz gewesen zu sein – wohl weil er nur zu gut wusste, dass das funktionieren kann und für ihn ein ewiger Platz im alternativen Zeitungsprojekt sein würde.

taz futurzwei-Chefredakteur Peter Unfried erklärte nicht nur sein 20-jähriges Ich, sondern auch seine Genese als Ökonörgler und die folgende Evolution zum Konstruktiveren. Auf der ernsten Seite des Spaßes standen neben dem Klimawandel auch die Pandemie und rechter Terror im Vordergrund. Was eben gerade am wichtigsten ist, oder wie die neue Chefredakteurin Ulrike Winkelmann es formulierte: „Wenn eine Zeitung gerade die großen Fragen der Zeit angeht, dann ist das die taz.“

Am Ende sind es 39 Mitarbeiter:innen gewesen, die ganz und gar nicht selbstbezogen, sondern offen und zugänglich von ihrer Arbeit und ihren Anfängen, nervigen und wunderbaren Geschichten bei der taz erzählten. Ein brillantes und glorioses Spektakel war das – nur zu quittieren mit einem müd-fröhlichen Eingeständnis: Das war wirklich vollkommen wahnsinnig, die waren alle nicht ganz dicht. Im nächsten Jahr wird es das wieder sein, mit einem neuen Schwung begeisterter Kolleg:innen im Livestream.

In der, fussballerisch formuliert, Mixed-Zone direkt nach dem Streaming-Großereignis: Erleichterung, Freude, Dankbarkeit – und bereits einige Anmeldungen für’s nächste Jahr.