Schule und Corona: Respekt, liebe Eltern!

Die Online-Petition zur Verhinderung des Präsenz-Schulunterrichts in Berlin ist kein Anti-Politik-Aufschrei gegen „die da oben“.

Lernen am Küchentisch Foto: reuters

Von UDO KNAPP

Am Dienstag, den 5. Januar 2021 beschließen die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten radikale Verschärfungen des Lockdown – wegen der täglichen 30.000 Neuinfektionen, den seit einer Woche täglich über 1.000 in Zusammenhang mit Corona Gestorbenen und der Ausbreitung des mutierten Virus mit extrem höherer Ansteckungswahrscheinlichkeit auch in der Bundesrepublik. Die Impfungen haben begonnen, aber für die nächsten Monate entfalten sie keine unmittelbar entlastenden Wirkungen auf das Infektionsgeschehen.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Müller (SPD) unterstützt diesen harten Kurs. Aber nur einen Tag später verkündet er für Berlin die Wiedereröffnung des Präsenzunterrichtes für alle Abschlussklassen am 11. Januar und ab 18. Januar auch für alle anderen. Die GEW, der Verband der Gymnasialdirektoren, der Landeselternrat, der Landesschülerrat, alle Neuköllner Schuldirektoren verlangen von Schulsenatorin Scheeres (SPD) die Rücknahme dieses Beschlusses, die Fortsetzung und den technischen, sowie pädagogischen Ausbau des Homeschooling und seine Verstetigung für den Rest des Schuljahres.

Die Berliner Hochschulen ziehen ihre Lehramtsstudenten, die in den Schulen aushelfen, wegen der Infektionsgefahren aus den Schulen ab. Im Abgeordnetenhaus verlangt die Linke-Fraktion von ihren Senatoren die Verschiebung der Wiedereröffnung der Schulen zuerst einmal bis nach den Winterferien Anfang Februar. Der Senat gibt sich von allen Argumenten unbeeindruckt. Dabei ist mittlerweile datenfest belegt, dass die Schulen im Infektionsgeschehen in Europa eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Virus spielen.

40.000 Eltern

Christoph Podewils, ein Berliner Vater, bringt am Mittwoch, den 6. Januar eine Online-Petition auf den Weg. Darin wird die Schließung der Schulen verlangt, bis die Pandemie unter Kontrolle gebracht ist. In der Petition wird vom Senat das Eingeständnis erwartet, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen, den nicht einzuhaltenden Lehrplänen, dem hohen Unterrichtsausfall und der oft komplett fehlenden qualifizierten Prüfungsvorbereitung eine fundierte und gerechte Benotung der Abschlussklassen, aber auch aller anderen Schüler nicht möglich ist. Es wird ein Nachteilsausgleich für die betroffenen Abschlüsse verlangt, der vom Senat und dem Abgeordnetenhaus schnell und rechtssicher auf den Weg gebracht soll.

Schließlich verlangt die Petition für ein länger anhaltendes Homeschooling den systematischen Ausbau der Online-Infrastruktur für die Schulen, die Fortbildung der Lehrer für das Homeschooling, weiten und freien Handlungs- und Gestaltungsraum für die Schulen, ihre Lehrer und die Schüler bei der Gestaltung des Unterrichtes. Denn es ist davon auszugehen, dass sich an der Pandemie im gesamten Jahr 2021 erst nur wenig und auch später nicht dauerhaft Wesentliches ändern wird. Diese Petition haben innerhalb von zwei Tagen über 40.000 Berlin Eltern unterschrieben.

Am Freitag, den 8. Januar gibt der Senat dem Druck von Lehrern, Eltern und Schülern nach. Für die Klassen 10, 12 und 13 wird bis zum 25. Januar ein Präsenzangebot bei ausgesetzter Anwesenheitspflicht angeboten. Für die Klassen 1 bis 6 soll nach dem 19. Januar nochmal nachgedacht werden. Praktisch heißt das, dass die Schüler der Abschlussklassen zum Präsenzunterricht erscheinen können, wenn sie das wollen. Die anderen sollen sich übers Internet zuschalten. Wie das in der Schul-Praxis funktionieren wird und wie es dann im Februar weitergehen soll, wie die Prüfungen dem Ausbildungsstand entsprechend gestaltet werden sollen, das ist immer noch offen.

Die Pandemiepolitik der Regierung ist für das Sterben in der zweiten Welle mit verantwortlich

Am strategischen Ansatz der Pandemiepolitik wird nichts korrigiert. Die Ministerpräsidenten – die Kanzlerin und ihr Gesundheitsminister nicht – halten an ihrem Bild fest, dass die Covid-Pandemie ein bald vorübergehendes und mit viel Geld einzuhegendes Übergangsunglück ist. Ihr Hin und Her zwischen Lockdown und Lockerung ist für die Wucht der und das Sterben in der zweiten Welle mit verantwortlich. Immerhin hat Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, PDS, das in einem Interview in der Welt öffentlich eingestanden und eine konsequentere Lockdown-Politik angekündigt.

Die aktive Ablehnung der Schulöffnungspläne des Berliner Senates durch viele Lehrer, Schüler und Eltern zeigt, dass sie bereit sind, die harten Konsequenzen und Einschränkungen in ihrem Lebensalltag durch eine harte Lockdown-Politik konstruktiv und gelassen mitzutragen. Sie gehen auch davon aus, dass nur so das Pandemiegeschehen soweit kontrolliert werden kann, dass irgendwann in diesem Jahr einige Lockerungen möglich sein werden.

Damit kommt aus der Bürgerschaft nicht nur passive Zustimmung zu einer Pandemiepolitik, die gestützt auf wissenschaftliche Expertise umfassende Ein- und Beschränkungen des öffentlichen Lebens vornimmt, sondern es kommt auch die Bereitschaft, sie aktiv mitzugestalten. Diese Berliner Bürger liefern der Politik des Senates eine Steilvorlage, seine alleinige Zuständigkeit für die Bildungspolitik in der Stadt zu nutzen, um vor dem Hintergrund von Covid-19 das Berliner Bildungssystem dezentral, vielfältig, digitalisiert und so zukunftsfähig für das 21. Jahrhundert zu machen.

Das Berliner Bildungssystem zukunftsfähig machen

Selbstverständlich nicht alle, aber viele Eltern und Schüler sind auf diesem Weg schon ein gutes Stück vorangekommen. Ohne viel Aufhebens organisieren und gestalten sie in ihrem Alltag gemeinsam zu Hause ihr Leben mit Homeworking und Homeschooling. Die Eltern haben im letzten halben Jahr erstaunt beobachten können, dass ihre Kinder an ihren frühen Erfahrungen mit einer gesellschaftlichen Großkrise nicht zerbrechen, sich damit einrichten, daran wachsen und stärker werden. Das in dieser Zeit ausgefallene Lernwissen? Lebensgeschichtlich spielt es für sie überhaupt keine Rolle, das werden sie später easy nachholen.

Nur mal angenommen, statt die Lehrer zu beschimpfen, würde ihnen das Recht und die Pflicht eingeräumt, ihren Unterricht weitgehend digital nach den Bedürfnissen ihrer Schüler selbst zu gestalten, dann könnten sie künftig deren Bildungschancen in einem umfassenderen Sinne und individuell angepasst fördern. Von einer solchen Lehre könnten vor allem Schüler profitieren, die in eher bildungsfernen Haushalten groß werden.

Anders als es scheinen mag, ist die Online-Petition von Christoph Podewils zur Verhinderung des Präsenzunterrichts kein verbrauchter Anti-Politik-Aufschrei gegen „die da Oben“. Es ist ein breit getragener Vertrauensvorschuss für den Senat, den dieser nur aufzugreifen braucht, um der Legitimität einer zukunftsfrohen Bildungspolitik in der Stadt einen gewaltigen Schub zu verleihen. So kann aus dem Schlimmen einer Pandemie tatsächlich auch Neues und Gutes entstehen.

UDO KNAPP ist Publizist und Politologe. In der aktuellen Ausgabe von taz FUTURZWEI beschäftigt er sich mit dem fehlenden Instrumentarium zur Verhinderung langfristig wirkender politischer Fehler.