Links-Rechts-Denken: Wenn Sex reaktionär wird

Darf eine Feministin einen NZZ lesenden CSU-Mitarbeiter daten? Heike-Melba Fendel über linken Sex.

Aus der Serie »NOT ENOUGH« Bild: Ramona Schacht

Von HEIKE-MELBA FENDEL

E s gibt sie noch, die flotten Großstädterinnen ohne Tinder- App. Okay, vielleicht sieht die Anti-Tinder-Fraktion auch  einfach so gut aus, dass sie keine elektronischen Steigbügel braucht. Denn die zwei am Nebentisch in ein gut vernehmbares Gespräch über »Typen« vertieften Frauen würden sicher auch auf Tinder zügig nach rechts geswiped und mit einem »Super-­Like« versehen.

Aber, so die jüngere der beiden, eine Wiedergängerin von Grace Kelly in Ugg-Boot-Variante: »Tinder? Nee, ich will doch erstmal wissen, wie so ein Typ im echten Leben auf mich wirkt, wie er sich bewegt, wie er riecht ...« Einen eher gut riechenden Typen hat sie offensichtlich vor Kurzem in einem Café kennengelernt, wo er die NZZ las.

»NZZ?«, ihre fürsorglich wirkende Freundin runzelt die Stirn: »Ich nehme an, es gab nichts anderes zu lesen?«

Doch, gab es, aber der sie ansprechende Mann entpuppte sich erstens als Münchner, zweitens als Mitarbeiter der CSU, weswegen er offenbar drittens die NZZ zuvorderst für ein Blatt mit gut recherchierten Texten hält.

»Okay, dann wird das ja eher nix«, bedauert die Freundin.

Worauf Grace Kelly erstaunt erwidert: »Wieso?«

Dieser Beitrag stammt aus

taz FUTURZWEI N°12

Reaktionäre Prinzipien

Ja, wieso eigentlich? Weil für zwei satt im Berufsleben stehende Feministinnen – auch diese Verortung enthüllt das Gespräch – CSU- wie NZZ-Affinität eigentlich nicht Teil ihres Beuteschemas sein kann und darf – aus Prinzip.

Also so, wie sie aus Prinzip nicht bei Tinder sind. Das Prinzip dieser Unterlassung könnte zum Beispiel ein Prinzip Hoffnung sein. Die Hoffnung, auf natürlichem Weg ein Paar zu werden. Ohne digitale Beihilfe jemandem in die Arme zu stolpern. Sich im Supermarkt, Zug oder – warum nicht? – am guten alten Arbeitsplatz zu finden, wo es, laut veralteter Statistiken, einst am häufigsten gefunkt hat. Oder natürlich im Café.

Wo gewünschte optische, ideologische oder soziale Attribute Voraussetzung eines Miteinanders jedweder Art sind, hier also der amourösen Beziehung oder deren möglicherweise sexuellen Vorspiels, wird es nahezu immer reaktionär: Weil jedwede Möglichkeit des Miteinanders eine Übereinstimmung entlang der eigenen Konditionierung herzustellen sucht. Die Entsprechung, hoffentlich basierend auf sich wechselseitig befruchtenden Konditionierungen, vollzieht sich im Kopf irgendwo zwischen Einfallslosigkeit und Feigheit. Und übersetzt sich ins Leben irgendwo zwischen Fuckbuddytum und Vernunftehe.

Warum aber sollte das nun ein Problem sein? Von wegen Topf und Deckel, Henry & June, Mama und Papa oder was auch immer irgendwie zusammenwachsen soll, weil es zusammengehört. Oder passend gemacht wird, wenn es nicht passt. Nun, weil nicht nur Statistiken, sondern auch Prinzipien und Hoffnungen schnell altern. Und sie altern nicht gut. Vor allem dann nicht, wenn es um das Konzept Liebe geht. Prinzipien gerinnen hier rasch zu Erstarrung, Hoffnung zu Kitsch. Beides amalgamiert zu jener zähen Masse, die sich bis heute Romantik nennt.

Ein Next-Level-Paradoxon

Dabei sind etwa Suchfilter der Single- und Partnerbörsen wenig mehr denn als Vorliebe getarnte Festlegung. Sie formalisieren und konfektionieren jenen Zufall, der am Ende doch irgendwie dazugehören soll, wenn es Zoom macht. Und das, oder etwas, das anders ausgedrückt cooler klingen könnte, soll es ja machen. Der Zufall jedoch ist aus der Zeit gefallen. Nicht umsonst heißt der Claim einer Partnerbörse: »Ich könnte auf den Zufall warten – mach ich aber nicht.«

Verfechter der Analog-Anbahnung hingegen setzen weiterhin auf genau jenen Zufall, von dem sie später behaupten werden, es gebe ihn nicht. Denn Liebeshunger hält sich, on- wie offline, am Paradox schadlos. Wo die einen Algorithmen zu Schicksalsprovidern machen, deuten die anderen Dinge, die ihnen widerfahren, zur logischen Konsequenz unlogischen Handels um. Irrationales als Basis von Handlung, Haltung und Beziehung zu instrumentalisieren, lässt sich jedoch als Ausdruck einer nicht umsonst als rechts konnotierten Gesinnung lesen. Und zwar immer dann, wenn es – anders als die ein Kunsterlebnis vertiefende willing suspension of disbelief – der Stabilisierung eines Systems dient. Und sei es nur des eigenen Hormonhaushaltes.

Egoismus ist Freiheit, naja. Grace Kelly und ihr NZZ-Leser bilden hier ein Next-Level-Paradoxon. Das macht, wenigstens fürs Erste, schon einen Unterschied. Denn wie alle spontanen Analog-Anbahnungen wartet auch diese mit einem interessanten Verzögerungseffekt auf: Wer Anziehung ohne Kenntnis eines unterlaufenen Anforderungsstandards verspürt, ist in der Lage, diesen selbst zu unterlaufen. Mittels Integration in die Anziehung und – möglicherweise – in ein erweitertes Selbstbild, das diese Standards als Vorurteile zu enttarnen in der Lage ist.

»Grace« könnte herausfinden, dass es scheißrechts ist, einen CSUler scheißrechts zu finden, den ihr ein vorsorglicher Algorithmus vorenthalten hätte. Den sie aber jetzt, entgegen ihrer Dating-Gewohnheiten, als anziehend empfindet.

»Grace könnte herausfinden, dass es scheißrechts ist, einen CSUler scheißrechts zu finden«: Autorin Heike-Melba Fendel in Berlin. Bild: Lena Giovanazzi

Das Neue zum Unerwünschten herabstufen

Aber, und das genau ist die Liebesfalle, um derart aufgeklärt dann doch neuerlich in die egozentrisch-funktionale Welt der Beziehungsbeschaffungsmaßnahme zurückzukehren. Also, zum Beispiel ins Netz und dessen Wesen, das wiederum sein eigenes Netz über unser analoges Leben geworfen hat. Ein engmaschiges Netz, dessen bevorzugte Beute die rechtsdrehende Tautologie ist: Mir gefällt, was mir gefällt. Ich will, was ich will. Ich bin, wer ich bin.

Es lässt sich drehen und wenden, es lässt sich Beharrungsvermögen, Geborgenheit im Ritual oder liebe Gewohnheit nennen: Das Neue auszusperren, es zum Fremden, gar zum Unerwünschten herabzustufen, erzeugt tatsächlich immer einen Schadensfall. Auch der, mit einem möglichen Aufbruch ergebnislos kokettierende Flirt mit dem Neuen beschädigt das Wichtigste, dem ein Mensch, eine Beziehung, eine Haltung sich stellen kann, nein muss: allem Möglichen.

Das Mögliche umschließt die, ebenfalls mögliche, Verwerfung, Erweiterung und ja, auch die Dann-doch-Bestätigung all dessen, woran wir glauben zu glauben. Kein »Weiter so« ist per se verwerflich oder reaktionär. Jedes »Weiter so«, das sich der Disposition verweigert, zu der man es stellen will, hingegen sehr wohl. Das Mögliche wäre, in der besten aller Welten, die eigentliche Suchmaschine unserer Zeit. Die eine mit den Lösungen jenseits unserer Eingaben. Suchbewegungen sind erst dann reaktionär, wenn sie ihr Ziel bereits verortet glauben. The future is unwritten.

Auch die der Sexualität. Erst recht in den sogenannten Zeiten von oder nach #MeToo. Zeiten also, in denen ein Prinzip, also eine Eindeutigkeit, durch eine andere ersetzt wurde. Hier die Selbstgerechtigkeit des missbrauchenden Mannes durch die nunmehr erkämpfte Selbstbestimmtheit der vom missbrauchenden Mann befreiten – und übrigens komplett und total richtigerweise unbedingt weiterhin von ihm zu befreienden – Frau. Jedoch: Und dann, und nun? Oder, frei nach den O Jays: Now that we found Selbstbestimmtheit, what are we gonna do with it?

The future is unwritten – auch die der Sexualität

Sex sells, schon klar, und genau das ist sein Problem. Er wird ausgestellt, formatiert und in Sentimentalitäten, also Beziehungssehnsucht, eingepasst. Natürlich 24/7. Er ist Produkt und als sol­ches zunächst neutral. Erst als Teil eines, sich der Produktlogik nur scheinbar entwindenden, Erfüllungsnarrativs steht er für wei­­tere, neuerlich irrtumsanfällige Verwendungen zur Verfügung.

Wie bei den Themen Sexarbeit, Abschaffung des Cheerleadings, und vielleicht sogar problematischer Partnerwahl, ist Selbstbestimmtheit das Buzzword einer bereits sehr langen Stunde in Sachen weiblicher Sexualität. Nach dem Motto: Jeden Mist, den frau selbstbestimmt, also wissentlich und willentlich, beschließt zu tun, ist ein feministisch okayer Mist. Und damit gar kein Mist mehr. Die normative Kraft des Selbstbestimmten triumphiert über das von frau Bestimmte.

Aber, und die Frage muss im Sinne alles Möglichen erlaubt sein: Ist das nicht wieder Kitsch? Hier Selbstbestimmungskitsch? Und ist das nicht Erstarrung? Hier das Prinzip: Selbstbestimmung-hat-immer-Recht–Erstarrung? Und, eine weitere Frage: Wie viel ist eine Selbstbestimmung wert, die sich für Kitsch und Erstarrung entscheidet und damit für das Ausblenden all dessen, was nicht nur Sexualität ihrem Wesen nach ist, also ambivalent?

Es gibt einen wirklich schlechten Witz, einen sogenannten Herrenwitz zudem: »Wo ist bei einer Frau der Blinddarm?« – »Wenn man reinkommt, links.« Egal, ob doof witzig oder gar nicht witzig, lässt sich – Achtung – alles Mögliche aus diesem Witz lernen. Wenn Mann die Welt und die Sexualität allein aus seiner Penetrationsperspektive heraus zu erfassen vermag, liegt er nicht nur anatomisch falsch. Und wenn der überflüssige Appendix, wie auch der ähnlich überflüssige Tinder-Swipe, rechts angeblich Relevanz verortet, wäre es vielleicht doch kein Kitsch, darauf zu verweisen, dass das Herz links schlägt und die linke Hirnhälfte, so heißt es, die abstrakten Begriffe prozessiere.

Und ein solcher Begriff ist, neben der Liebe, nun auch einmal die Freiheit.

HEIKE-MELBA FENDEL ist Künstleragentin und Schriftstellerin.