Jagoda Marinić über Dichter und Denker: Intellektuelle in die Fresse!

Wenig ist den Laschet-Deutschen suspekter als ein Philosoph oder eine Künstlerin. Warum?

Michelangelos Skulptur des David: Das freie und selbstständig handelnde Individuum als Zentrum eines humanistischen Menschenbilds der Renaissance Foto: Markus Burke

Von Jagoda Marinić

Nein, das ist kein Aufruf zu Gewalt in Zeiten von Hate Speech. Das ist ein kleiner subjektiver Text über die Rolle der sogenannten Intellektuellen in dieser Zeit. Das »... in die Fresse!« geht zurück auf den 1968er-Dichter Rolf Dieter Brinkmann, der seinen Lektoren in die Fresse geben wollte. Ein Ton, der in der heutigen Zeit wohl als toxisch beschrieben werden würde. Ey, hast du ein Gewaltproblem?

»Was uns in den letzten zwei Jahren abhandenkam, werden wir erst in Zukunft verstehen. Wie wäre es, die Intellektuellen, die Künstler, die Zweifler und die Infragesteller in die Zukunft zu retten?«

Jagoda Marinic

Man muss derzeit bei allem, was man sagt, über die Reaktionen nachdenken, über die Sensibilitäten. Seit die Popularisierung der Bezeichnung »Alter weißer Mann« dazu geführt hat, dass alte weiße Männer sich durch Gruppenzuschreibungen diskriminiert fühlen, müssen wir alle heftig darauf achten, von wem wir wie reden, wenn es um biologische Merkmale geht und ständig fragt einer, ob es fair ist, einen Menschen nur aufgrund irgendwelcher Merkmale zu diskriminieren.

Nur eine einzige Gruppe scheint ausgenommen zu sein von diesem Empörungsschutz: die Intellektuellen. Die Künstler, die aus meiner Sicht Intellektuelle mit anderen Erkenntnismitteln sind. Und, auch ausgenommen, diese Lifestyle-Linken, die eine Mischung sein müssen aus Intellektuellen, Künstlern und Leuten mit zwei Postcolonial-studies-Büchern zu Hause, was sie für manche auch schon zu Intellektuellen macht.

Der Intellektuelle als Spottobjekt

Seit die Debatte zur Frage der Grünen Kanzlerkandidatur losging, also Robert Habeck oder Annalena Baerbock, ließ sich leicht beobachten: Nichts ist in Deutschland suspekter als einer, den man als »intellektuell« beschreibt. Man könnte direkt eine Kneifzange dahinter legen. Über Intellektuelle darf man jederzeit noch die Nase rümpfen. Armin Laschet etwa, der im Fall von Habeck gönnerhaft von »Ach, der Philosoph« spricht, aber bei Baerbock derzeit wohl eher nicht mit »Ach, die junge Frau« aufwarten würde. Beim Intellektuellen geht das. Der taugt als Spottobjekt, denn wer will schon »philosophieren«?

An den Reaktionen auf Robert Habeck als möglichen Kanzlerkandidaten ließ sich einiges ablesen. Die einen wollen die Welt vor den Intellektuellen verschonen, die anderen den Intellektuellen vor der Welt. Da wären etwa die Ultraintellektuellen, die sich allesamt in die Kulturredaktionen der Republik gerettet zu haben scheinen; die saßen überheblich da und spotteten: »Was, gilt Habeck jetzt schon als Intellektueller?« Will heißen: Der macht ja was aus seinem Denken, so einer kann kein Denker sein. Bald schon war in den Feuilletons aus der Euphorie für den Schriftsteller Habeck eine Skepsis für den Politiker erwachsen, der Intellektueller sein will. Man musste sich ein wenig distanzieren, hier und da war er plötzlich nicht mehr intellektuell genug. Teile des Kulturbetriebs suchten die Abgrenzung von einem, der auch Politik kann, der Macht will, der Tun will. Für diese Ultraintellektuellen ist Intellektualität und Handlungsfähigkeit schwer vereinbar.

Die meisten Ultraintellektuellen beschreiben einen »echten Intellektuellen« gern als gering lebensfähig. Ich vermute, in diesem ultraintellektuellen Bereich finden sich viele Erben, die sich zumindest ein Dach über dem Kopf nicht zwingend verdienen müssen. Was daran nervt: Mit ihrem Anspruch auf Weltabgewandtheit als Maßstab für Intellektualität schaden auch sie der Rolle der Intellektuellen; ihre Gegner wittern das, sagen dann einfach nur Elfenbeinturm dazu. Dabei ist es oft ein Erbenbeinturm.

Dinge zu hinterfragen wird oft als Einmischung empfunden

Für die anderen, die Verfahrenslogiker und Pragmatiker, die Projektwütigen, ist so ein Intellektueller nicht minder gefährlich, denn er hinterfragt. Wieso mischt der sich jetzt ein, bitte, wir wissen, wie es geht! Für Leute, die etwas hinterfragen wollen, haben wir Universitäten, Theater und Stiftung erfunden, sie sollen sich doch bitte nicht ins echte Machen einmischen. Der Intellektuelle ist irgendwie jener, der beim Bau eines Hauses dauernd auf die Betonmischung schaut und den Vorgang analysieren will, so nimmt man seinen Beitrag wahr. Natürlich will man den nicht, nicht einmal dann, wenn er das Bauen erleichtern und den Vorgang optimieren würde, weil man so ungern aushält, dass einer es besser weiß. Pragmatiker, Verwalter, Leute, die vor einer Handlung gerne die Dienstanweisung lesen wollen, die verstört so ein hinterfragender Geist. Soll er doch bitte lieber seinesgleichen beglücken, denken viele, und prangern gleichzeitig den Elitismus an.

Ich frage mich, wann das so geworden ist, wann aus den Intellektuellen in Deutschland das wurde, was sie heute sind: die letzte Gruppe, die man ohne Statusverluste öffentlich abwerten darf.

Ein anderes Klischee: Leute, die sich geistig mit Menschrechten befassen, das müssen Intellektuelle sein, die von der arbeitenden Bevölkerung nichts wissen. Sahra Wagenknecht hat nun den einprägsamen Begriff »Lifestyle-Linke« geprägt. Sie versucht damit, die hart arbeitende und schlecht bezahlte Bevölkerung im Industrie- und Dienstleistungssektor gegen jene auszuspielen, die nicht minder hart an gesellschaftlichen Themen arbeiten, die sich oft in prekären Arbeitsverhältnissen von Projekt zu Projekt handeln, weil sie Demokratie stärken wollen, Rassismus bekämpfen wollen. Das tut so, als wäre dieser Einsatz für das Gemeinwesen nicht körperliche, geistige und physisch fordernde Arbeit, sondern das Gegenteil von harter Arbeit. Viele in diesem Sektor arbeiten trotz Hochschulabschlüssen in prekären Arbeitsverhältnissen. Sie haben keine Gewerkschaften, die ihre Rechte sichern, sondern sind angestellt in kleinen Vereinen und Stiftungen, die oft wenig Sicherheit bieten können, weil sie projektabhängig finanziert werden. Wagenknecht inszeniert hier ein Gegeneinander. Es funktioniert in Teilen, weil die Verachtung für das Denken, das Arbeiten am Bewusstseinswandel, für Komplexität »in« ist.

Es bringt nichts, Milieus gegeneinander auszuspielen

In meiner Großfamilie waren die meisten bildungsfern. In diesen Kreisen galt der Gebildete etwas, er war einer, von dem sie etwas lernen wollten. »Sieh mal, wie die unterschreiben, mit was für einer schönen Schrift.« Sie waren selbst bildungsfern, aber sie strebten das an, ahmten das nach. Meine Eltern haben mit mir stundenlang Unterschriften schreiben geübt, weil sie es wichtig fanden, ihr Kind so schön schreiben zu sehen wie die Menschen, die gebildet sind und die ein anderes Leben lebten als sie. Meine Verwandten waren bildungsarm und arm, aber sie hatten diese Würde und Anmut, weil sie die Bildung als Wert ansahen, den sie ihren Kindern nicht vorenthalten wollten, nur weil sie ihnen vorenthalten worden war. Ich habe gelernt, als ginge es um mein Leben, wahrscheinlich hätte ich als Kind in pandemischen Zeiten »Kids for schools« organisiert, weil ich so bildungshungrig war, weil es mir nie in den Sinn gekommen wäre, auf Bildung zu verzichten, weil meine Eltern und Onkel und Tanten und Großeltern nicht gebildet werden durften, sie mussten arbeiten. Heute empören sich Eltern, wenn man Schulstoff nachholen will, weil die Kinder ja »leben« müssen. Als wäre lernen nicht auch leben.

Ich bin heute gebildet. Ich finde viele Debatten der Identitätspolitik immens wichtig. Ich empfinde eine tiefe Solidarität für die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, die ich als Kind an Tagen der offenen Tür in ihren Fabriken besucht habe, und ich weiß, dass die keinen Bock darauf hätten, wenn irgendwelche linken oder gutmeinenden Bürgerlichen mich als »Lifestyle-Irgendwas« beschreiben würden. Weil sie stolz darauf sind, dass wir den Lifestyle wechseln durften und weil auch wir, die Kinder von Arbeitsmigranten, frei entscheiden dürfen, welche Themen uns, wenn wir unsere Bildungsbiografien durchlaufen haben, wichtig sind.

Dann bin ich auch noch Schriftstellerin, in der Arbeiterwelt meiner Herkunft ist das der Gipfel der Verschwendung von Lebenszeit: Schönheit statt Überlebenskampf. Aber einen ästhetischen Sinn haben sie, diese Arbeiter. Sie respektieren das. Sie sind stolz auf den Aufstieg, auf Kinder, die das können, was für sie nicht erreichbar war. Es bringt nichts, uns oder unsere Milieus öffentlich gegeneinander auszuspielen. Bei den Arbeiterinnen meiner Kindheit erhalte ich für meine öffentliche Arbeit mehr Anerkennung als bei so manchen aufgeklärten Linken, die in den Debatten »nur Identitätspolitik« sehen. Die Erhöhung der Komplexität werten sie als Spaltung, als wäre das nicht die Aufgabe von Diskurs: Ausdifferenzieren, um zu verstehen, was vor uns ist. Warum stehen die Arbeitsmigranten hinter mir und meiner Generation? Weil sie, im Gegensatz zu jenen, die nie selbst marginalisiert waren, am eigenen Leib erfahren haben, wie viel ihre Identität mit ihrem sozialen Status zu tun hat in diesem Land. Wer uns beschimpft, macht sich bei unseren Elterngenerationen politisch sicher keine Freunde. Die Arbeiter mit Migrationshintergrund sind geistig weiter. Die ohne Migrationshintergrund sind es oftmals auch, das Klischee vom rechtslastigen, wütenden Arbeiter dient nicht selten dazu, den rechtslastigen Bürgerlichen zu verschweigen.

Zwischen Überhöhung und Verachtung

Der Intellektuelle, die Intellektuelle, die Künstlerin, der Künstler – in Deutschland schwanken diese Begriffe zwischen Überhöhung und Verachtung. Nach #allesdichtmachen erklärte man plötzlich Schauspieler für eine dumme Berufsgruppe, auch so ein irrer Vorgang, als wäre Schauspiel nicht eine der größten Kunstformen. Eine schlechte Aktion, und man spricht einer ganzen Gruppe Fähigkeiten ab, weil man zunehmend weniger mit Menschen anzufangen weiß, die nicht alles vereinfachen können oder wollen. Man packt sie in die Nischen des Kulturfeuilletons und lässt sie untereinander debattieren, schön abgeschottet vom Mainstream. Im Land meiner Eltern sah ich als Kind zu guten Sendezeiten im Fernsehen noch Bildungsprogramme, heute muss alles Unterhaltung sein, leichte Kost. Das Verblödungsfernsehen der Neunziger hat seins getan und jetzt feiern wir uns vor allem für gut choreografierte Moves bei TikTok. Nice. Bei Veranstaltungen heißt es gerne: Nicht zu anspruchsvoll, sonst bleibt es etwas für Eingeweihte. Und wenn es anspruchsvoll wird, dann gern mit einem Duktus, der anderen signalisiert: Leute mit eurem Status sind hier nicht gewollt.

Wir brauchen Räume, um gemeinsam weiterzudenken, zu riskieren. Wir brauchen auch in der Politik neben den Funktionären die Intellektuellen. Gerade jetzt braucht es Räume für Zweifel, weil wir nach der Pandemie eine Gesellschaft sein werden, in der die Naturwissenschaften ihren Platz haben, aber die Geisteswissenschaften und die Künstler verloren haben. Was uns in den letzten zwei Jahren abhandenkam, werden wir erst in Zukunft verstehen. Wie wäre es, die Intellektuellen, die Künstler, die Zweifler und die Infragesteller in die Zukunft zu retten? Dafür gebührt ihnen in der Gegenwart ein besserer Status.

Jagoda Marinić ist Publizistin und Autorin von Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land (Fischer).

Dieser Beitrag ist in taz FUTURZWEI N°17 erschienen.