Florian Schroeder über politische Handlungsmuster: Die Resiliente Armee Fraktion

So werden Sie resilient: Liegen Sie den ganzen Tag im Bett, trinken und twittern Sie.

Porträtfoto von Florian Schroeder, Autor dieses Textes

Resilienz ist die psychopolitische Verteidigungsform der Grünen, meint Satiriker Florian Schroeder Foto: Frank Eidel

Von FLORIAN SCHROEDER

In einer Zeit, in der wir scheinbar alles berechnen und vorhersehen können, kommen wir vor allem mit einem nicht mehr klar: dem Unvorhergesehenen. Schuld sind wir selbst.

Der bekloppteste Begriff derzeit lautet: psychische Widerstandskraft – Fachwort: Resilienz. Schon beim Googeln wurde mir spontan schlecht: Kinder sollen sensibel, mutig, geborgen, frei und resilient sein. Hier die besten sechs Übungen, sieben Säulen und acht Expertentipps auf zehn PowerPoint-Folien. Irgendwo in Bayern kann ich für 300 Euro in drei Tagen Resilienz lernen, und zwar, indem ich den Mut habe, »ich selbst zu sein«. Wie schrecklich! Wenn ich eines nicht möchte, dann ich sein, denn das bin ich ja schon. Und phasenweise gehe ich mir mit meinem Ich tierisch auf die Nerven. Noch schlimmer sind nur andere Menschen, die ganz sie selbst sein wollen. Einen Link weiter fördert Achtsamkeit die Resilienz, aber nur bei der Deutschen Qigong-Gesellschaft in Dietenheim – leider nicht in Bayern.

Der BMW-Chef, nicht aus Bayern, aber in Bayern, sagt, Resilienz brauche Vielfalt. Aber wird nicht umgekehrt ein Schmu draus, braucht nicht eher Vielfalt Resilienz? Auf IT-Seiten lerne ich, dass auch der Cyber-Krieg Resilienz erfordert – und zwar auch bei der kommunalen Verwaltung! Seit wann ist denn das Hochbauamt von Dietenheim bitte überhaupt in diesem verdammten Cyberspace?

Resilienz ist die psychopolitische Verteidigungsform der Grünen

Selten ist es gelungen, einen wertvollen Begriff so schnurstracks in die Kitschkammer der Bedeutungslosigkeit zu verfrachten wie Resilienz. Es ist so etwas wie die Inflation der psychologisch Versierten, Geschulten und Möchtegern-versiert-Geschulten. Resilienz, das ist die Lebensversicherung eines Zeitalters, das sich dem Unvorhersehbaren ausgeliefert sieht. Es vereint die großen Träume der Gegenwart: Selbstwirksamkeit und Training. Mit dabei ist nur, wer sich selbst optimiert zum rundum resilienten Geschöpf, das den Herausforderungen entspannt – gelassen und doch angemessen munitioniert – entgegentritt, selbstverständlich, ohne dabei wirklich militaristisch zu werden.

Resilienz ist die psychopolitische Verteidigungsform der Grünen: von allem etwas, stets zum eigenen Vorteil auslegbar und keinesfalls auf wirkliche Konfrontation ausgelegt. Selbst wenn man die eine oder andere liebgewonnene Grundüberzeugung über Bord werfen muss (Kernkraft, Pazifismus et cetera) – am Ende ist es eben Resilienz gegenüber der Übermacht dieser unserer ach so komplexen Zeit. Der alte Hegel (Grundlinien der Philosophie des Rechts) lässt grüßen: »Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.« Oder, um es mit Robert Habeck zu sagen – hier bitte nachdenkliche Stirnfalten und zögerliche Satzbildung hinzudenken: »Joah, jetzt ist eben leider Krieg!«

Nun kann man wohl diagnostizieren: Deutschland und Resilienz – das passt traditionell so gut zusammen wie Digitalisierung und Behörden. Die Älteren kennen das vom Ende der 1970er, als es einer Handvoll wild gewordener Studienabbrecher aus der linksextremen Szene gelungen ist, mit Banküberfällen und Entführungen von überfallenen Bankern das Land an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu bringen. Hysterie und Nervosität als Reaktion auf das mutmaßlich Unvorhersehbare sind unsere zentralen nationalen Charaktereigenschaften – das haben wir in der Pandemie eindrücklich bewiesen: die hemmungslos Guten als dauerempörte selbsternannte Bürgerwehr auf der Jagd nach Maskenverweigerern und die hemmungslos Bösen auf der Jagd nach Karl Lauterbach.

Seismografen in einer orientierungsarmen Welt

In diesem ominösen Früher, dieser schwer definier- und eingrenzbaren Zeit, in der noch nicht alles anders, dafür aber deutlich besser war – in diesem Früher hatten wir die drei großen D – Demoskopen, Demografen und Demonstranten – und alle hatten irgendwie immer recht. Jedenfalls sahen sie das, was kommen würde, ziemlich verlässlich voraus. Sie gaben uns Halt und Sicherheit, sie waren Nostradamus, die gute Fee und eine halbseriöse Form des Astro TV in einer Person. Seismografen in einer orientierungsarmen Welt. Sie nahmen uns die Schwere der Verantwortung von unseren ohnehin hängenden Schultern, kurz: Sie hatten eine Entlastungsfunktion.

»Deutschland und Resilienz – das passt traditionell so gut zusammen wie Digitalisierung und Behörden.«

– Florian Schroeder

Die Demoskopen sagten uns, welche Partei wir wählen mussten, damit am Ende die Koalition herauskam, die wir wollten. Seit sie bei den beiden größten politischen Erdbeben unseres noch jungen Jahrtausends kolossal versagten, bei Trumps Wahl und dem Brexit, sind sie zu Recht im Bereich des Voodoo angekommen. Schuld aber sind wir, die Wähler, die sich nun darüber mokieren, dass ihnen ihre Helfer in ihrer sprunghaft-unvorhersehbaren Spontaneität nicht mehr folgen können.

Demografen sagten uns, wann wir sterben würden und wie viele junge Menschen schon warteten, um unsere Stellen, unsere Immobilien und unseren Status zu erben. Heute stellen wir überrascht fest, was wir seit Jahrzehnten wussten: Es sind zu wenige gekommen für die vielen, die gehen. In diesem seltsam überhitzten 2022 ist das Wort des Jahres schon jetzt Personalmangel: Wo es noch Fachkräfte gibt, sei es auf dem Bau oder in der Klimatechnik, sind sie häufig überaltert. Viele Arbeitnehmer sind über fünfzig Jahre alt und erinnern sich noch an drohend klingende Voraussagen, ihre Arbeit werde bald an einen Roboter gehen. Heute fragen sie sich schon seit zwanzig Jahren, wann es endlich so weit ist.

In der All-inclusive-digitalisierten Welt gibt es nicht mehr morgen und gestern

Demonstranten warnten vor dem, was wir zwar nicht zu verhindern in der Lage waren, was sich aber am Ende als wegweisende Kraft herausstellte. Am Ende waren wir zwar nicht mitgelaufen, aber gewusst hatten wir´s, weil wir den Richtigen recht gegeben hatten. Heute sind Demonstranten so bunt in Zahl und Ziel, dass man den Eindruck kriegen könnte, die wahre bunte Diversität finde am Wochenende auf der Straße statt.

In der All-inclusive-digitalisierten Welt gibt es nicht mehr morgen und gestern, sondern hier und jetzt, permanente Gegenwart. Vielleicht macht es auch genau das so schwierig: Alles erscheint verfügbar und skalierbar. Mit 70 Likes konnten die Analysten dieselben Leute besser einschätzen als deren engste Freunde. (Thomas Ammann: Die Machtprobe) Das bedeutet, Facebook weiß mehr über die meisten Menschen als diese über sich selbst. Mit 300 Likes kennt Facebook sie besser als ihr eigener Partner. Wenn Eheleute sich so gut kennen, ist meist die Scheidung fällig. So haben wir es mit einer fast vollständig fehlerfreien Netzkultur zu tun, in der hochpräzise vorhergesagt werden kann, welche Lösung wir als Nächstes brauchen, ohne dass wir das Problem dazu schon haben.

Es prallen also zwei Welten aufeinander: eine immer weniger vorhersehbare und eine scheinbar vollständig berechenbare. Was verbindet nun die beiden miteinander? Mehr als es scheint: »Wenn man versucht, das Denken einer Person zu hacken, muss man ihre kognitiven Verzerrungen identifizieren und sie dann ausnutzen.« So klar beschreibt es der ehemalige Cambridge-Analytica-Datenanalyst Christopher Wylie, der den dortigen Datenskandal aufdeckte, nachdem die Firma zuvor Millionen Facebook-Userdaten illegal genutzt hatte, um Trumps Wahlkampf zu unterstützen. So werden »Daten zur Waffe«.

Kognitive Verzerrungen sind weiter verbreitet, als es scheint: Die zwei großen Fallen sind Bestätigungsfehler und Repräsentationsfehler. Der Bestätigungsfehler ist ganz alltäglich: Wir neigen dazu, das zu sehen, was wir sehen wollen. Wir neigen zur Zustimmung und nicht zur Ablehnung. Der kognitive Aufwand des Verneinens und Hinterfragens ist ungemein größer, als der, zu bejahen. Je mehr Informationen wir haben, desto schlimmer wird es. Sobald sich in unserem Kopf eine kohärente Weltsicht herausgebildet hat, stehen wir im Verdacht, nur noch Beispiele zu berücksichtigen, die beweisen, dass wir recht haben (Nassim Nicholas Taleb: Der Schwarze Schwan). Darum gilt: Traue keinem, der dir sagt, er habe es schon immer gesagt. Er hat nur vergessen, dass es einmal anders war.

Der blinde Fleck der Hellsichtigen

Aufgrund des großen Drucks, schnell zu entscheiden, tritt der Bestätigungsfehler gerade in der Medizin besonders häufig auf – meist mit besonders weitreichenden Konsequenzen. Wenn er einen Marathonläufer vor sich hat, tippt der Orthopäde bei Knieproblemen eher auf eine Entzündung als auf einen Tumor. Der Repräsentationsfehler liegt vor, wenn Anzeichen übersehen werden: Eine Freundin von mir hatte einen Schlaganfall. Im ersten Krankenhaus, in dem sie sich untersuchen ließ, diagnostizierte man aber eine Multiple Sklerose. Und das trotz Rückenmarkspunktion und allem Brimborium, über das man sie nicht einmal aufgeklärt hatte. Tina war mit Mitte zwanzig sehr jung für einen Schlaganfall, insofern war das vielleicht nicht die wahrscheinlichste Diagnose, auf die Ärzte kommen konnten. So fielen sie dem Repräsentationsfehler zum Opfer, auf Kosten der vollkommen schockierten Patientin, die ihr Leben an sich vorbeiziehen sah. Schlechte Ärzte erkennt man an diesen und ähnlichen Fehldiagnosen, gute daran, dass sie Fragen stellen, zuhören können und es sich erlauben, mit bis zu fünf Hypothesen gleichzeitig zu jonglieren. Vielleicht hat der irische Dichter William Butler Yeats die guten Ärzte am treffendsten charakterisiert: »Die Besten sind des Zweifels voll, die Ärgsten sind von der Kraft der Leidenschaft erfüllt.«

»Ein Toter in unserem Umfeld berührt uns tausend Mal mehr als tausend Tote in Bangladesh«

– Florian Schroeder

Im März 2008 sagte der damalige US-Finanzminister Henry Paulson voraus: »Unsere Finanzinstitutionen, Banken und Investmentbanken sind stark. Unsere Kapitalmärkte sind robust. Sie sind effizient. Sie sind flexibel.« Wenige Momente später stand die Weltwirtschaft am Abgrund. Was ist mit der Wissenschaft? Auch hier sind die Nachrichten schlecht. Als im Jahr 2008 die US-Bank Fannie Mae zugrunde gegangen war, analysierte der eigentlich renommierte Ökonom Joseph Stiglitz messerscharf: »Ausgehend von Erfahrungen aus der Vergangenheit ist das Risiko, das die Regierung hinsichtlich einer potenziellen Insolvenz von Fannie Mae eingeht, gleich null.« In Wahrheit kostete die Pleite die amerikanischen Steuerzahler Milliarden. Zwei Jahre später behauptete Stiglitz in seinem Buch, er habe die Krise vorhergesagt. Stiglitz ist hier kein klassischer Experte, der in die Zukunft hineinfantasiert und das dann für Wissenschaft hält, er war als optimistisch vorhersagende Autorität Auslöser des Problems, um sich später zu ihrem Verhinderer aufzuschwingen. Das ist der blinde Fleck der Hellsichtigen, die sich allzu sicher sind. Sie sind blind für das, was der Philosoph Nassim Taleb einen Schwarzen Schwan nennt – den Eintritt eines überaus unwahrscheinlichen Ereignisses, mit dem niemand gerechnet hatte und das darum auf keiner Agenda zu finden war. Was folgt, ist Hilflosigkeit im Auge des Taifuns.

Hinzu kommt: Wir sind für Geschichten immer erreichbarer als für Zahlen und Statistiken. Ein Toter in unserem Umfeld, dessen Geschichte wir kennen, berührt uns tausendmal mehr als tausend Tote aufgrund einer Umweltkatastrophe in Bangladesch.

Gehirn wie ein altes Stück Pergament

Mit nachträglichen Geschichten, die unser Verhalten plausibel erklären und uns selbst beruhigen sollen, betrügen wir uns oft nur selbst: Der Dichter Charles Baudelaire verglich unser Gehirn einmal mit einem antiken Stück Pergament, auf dem der alte Text getilgt und immer wieder mit Neuem überschrieben wird. Dabei selektiert unser Hirn. Wir erzählen uns selbst immer wieder die gleichen Geschichten und verändern sie mit jeder neuen Wiedergabe in eben die Richtung, die uns zu entsprechen scheint. Das menschliche Gehirn ist wie ein schlechtes Boulevardblatt: Hat es einen Z-Promi einmal auf dem Kieker, hat der verloren: Egal, was er tut oder sagt, alles wird auf der Folie des Schwachsinns zu einer weiteren Idiotie. Oder, um es ein wenig literarischer zu sagen: »Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält«, heißt es bei Max Frisch (Mein Name sei Gantenbein).

Ich könnte nun damit anfangen, was wir alles ändern könnten: Widersprüche anerkennen, in ihnen, statt notdürftig mit ihnen leben. Aber das ist zu komplex. Heute ist es sinnvoller, einfach über sich zu schreiben und sich zum Leuchtturm eines besseren Lebens zu machen. Ein Beispiel für gute Resilienz bin nämlich ich. Und das schreibe ich in aller Bescheidenheit. Als der Ukraine-Krieg losging, habe ich mir als Erstes Solarzellenbatterien gekauft – damit der Kühlschrank weiter funktioniert, wenn Putin die Atombombe auf Potsdam geworfen hat. Besser ein gut gekühltes, verstrahltes Bier, als gar nichts zu trinken. Und Jodtabletten habe ich mir gekauft, die nehme ich dann vor dem Frühstückswodka. Natürlich aus Polen! Jodtabletten sind der neue Impfausweis – habe ich immer dabei. Und weil ich Tag und Nacht Nachrichten gucke, habe ich mir auch noch Valium geholt – von einem KI-optimierten total resilienten Online-Doktor.

Wirklich resilient sind Sie erst, wenn Sie wie ich den ganzen Tag im Bett liegen, trinken und twittern. Für schwere Waffen, für schärfere Sanktionen, ein Energie-Embargo, eine völlige Isolation Russlands. Die Welt verändern bei einem Campari-Soda am Nachmittag, das ist wahre Resilienz. Mich kann nichts mehr aus der resilienten Ruhe bringen: Gut, außer vielleicht, wenn die Benzinpreise weiter steigen oder die Öl- und Gaspreise, wenn ein paar Millionen Geflüchteter kommen, wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt und die Leute kein Geld mehr haben, um in meine Shows auf Tour zu kommen. Also dann weiß ich auch nicht, dann gründe ich eine neue RAF – die Resiliente Armee Fraktion – und mache mit den anderen Apotheken-Umschau-Abonnenten einen Resilienz-Qigong-Kurs beim BMW-Chef in Dietenheim für 3.000 Euro.

FLORIAN SCHROEDER, Jahrgang 1979, ist Satiriker und Autor mit diversen Fernseh- und Hörfunkformaten (Die Florian Schroeder Satireshow im ERSTEN). Er ist aktuell mit seinem neuen Programm Neustart unterwegs. Zuletzt erschienen: Schluss mit der Meinungsfreiheit! Für mehr Hirn und weniger Hysterie. dtv 2021 – 368 Seiten, 16 Euro.

Dieser Beitrag ist im September 2022 in taz FUTURZWEI N°22 erschienen.

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