Erfahrungsbericht einer Schülerin

Streiken oder Sitzenbleiben

Alle reden über Fridays for Future, was sich hingegen freitags im Klassenzimmer abspielt, wissen die wenigsten.

Bild: picture alliance/Georg Wendt/dpa

LISA BERDUNOVA ist 17 Jahre alt und besucht eine Oberschule in Berlin. Wie für viele andere ist für sie Fridays for Future nicht nur Hoffnung, sondern auch Wagnis, wie sie in den folgenden Zeilen berichtet.

Ich bin nicht jeden Freitag beim Streik gewesen. Schließlich waren die Noten kurz vor dem Abschluss der Zehnten niemandem egal. Gerade diejenigen, die am liebsten geschwänzt hätten, blieben – und nur diejenigen, die im Schulsystem am besten überlebten, konnten sich den Ungehorsam leisten.

Ein Freitag, an dem ich nicht am Streik teilnahm, hat sich besonders in mein Gedächtnis eingebrannt: Ich blieb in der Schule und die halbe Klasse war weg.

Unser Fachlehrer kam herein. Er sah sich die Klasse mit wenig begeistertem Blick an, setzte sich an das Lehrerpult und teilte uns allen seine Meinung zu Fridays For Future mit. In diesen 10, 15 oder 20 Minuten saßen wir dort in Schweigen gehüllt, gespannt, bedrückt und doch gar nicht überrascht.

„Also, letzte Woche konnte ich es noch verstehen, als die Kleene da war, aber jetzt?! Denkt ihr wirklich, ihr erreicht irgendwas damit? Denkt ihr, die Politiker werden euch zuhören?“

Seit dem 30.07.2019 veranstaltet die Bewegung zum ersten Mal einen Kongress in Dortmund, auf dem sich Aktivist*innen aus ganz Deutschland kennenlernen und austauschen.

Man spürte seine Macht, zugleich seine Ohnmacht, zugleich aber etwas noch Merkwürdigeres: Unseren Protest, der sich zum ersten Mal echt anfühlte und eine Bewegung, die sich nicht mehr ignorieren ließ. In der Leere des Klassenzimmers hing nichts anderes als der Zeitgeist.

Der Lehrer trug für die Fehlenden Sechsen ein. Wir hörten nicht auf, zu streiken.

Ich bin nicht jeden Freitag beim Streik gewesen, aber so oft, dass ich Sorge haben musste, sitzenzubleiben.

In der Schulordnung (wie unsere Klassenlehrer, genauso ungern wie wir, eine Woche vor Notenschluss feststellten) steht: Wer sechs Wochen nacheinander ein Unterrichtsfach nicht besucht hat, kriegt keine Note: also, eine Sechs. Besonders unpraktisch ist das, natürlich, wenn man Musik nur ein Halbjahr lang hat und das Fach in den letzten beiden Stunden am Freitag unterrichtet wird.

Unsere halbe Klasse hätte wegen Musik sitzenbleiben können.

Das hat Unruhe ausgelöst, als wir das einen Tag vor der internationalen Klimademo und – Zufall! – unserer allerletzten Musikstunde erfuhren. In der Hektik des Freitagmorgens hörten wir von einem Lehrer dies, von dem anderen das – und in Verwirrung, Sorge und heftiger Diskussion miteinander traten wir aus der Schule heraus und in die U-Bahn hinein.

Der Streik war der größte, den wir bisher erlebt hatten. Meine Gruppe holte ihr Musikjprojekt – einen selbstgedrehten mit einem Soundtrack unterlegtem Film – einfach vor Ort auf der Demo nach und schaffte etwas, das in ein paar Jahrzehnten entweder Kitsch oder Geschichte sein wird. Am Ende verdanken wir unserer gnädigen Musiklehrerin, die zehnte Klasse doch geschafft zu haben.

Als unser Fachlehrer uns damals an jenem Freitag seine Meinung geigte, sagte er etwas, das mich immer noch zum Grinsen bringt: „Wie lange wollt ihr das noch machen? Jahre?“