: Diese Städte ticken anders
Biel und La Chaux-de-Fonds entsprechen nicht dem Schweizer Alpenidyll, sie wurden geprägt von der Uhrenindustrie. Nach deren Niedergang müssen sie sich neu erfinden
Foto: Gaetan Bally/Keystone/laif
Aus Biel und La Chaux-de-Fonds Jochen Overbeck
Dass La Chaux-de-Fonds 37.000 Einwohner:innen hat, mag man so recht nicht glauben, wenn man auf dem Boulevard des Eplatures steht. Die Stadt muss doch mindestens doppelt so groß sein! Scheinbar endlos zieht sich die Magistrale durch den Talkessel im Schweizer Juragebirge, nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt.
Der Boulevard ist letztendlich Konsequenz eines großen Brands im Jahr 1794. Als die Stadt dann Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Schachbrettmuster mit kerzengeraden Straßenzügen neu aufgebaut wurde, war die Uhrenindustrie längst der bestimmende Wirtschaftsfaktor im Jura geworden. Das neue La Chaux-de-Fonds war so perfekt auf die Industrie abgestimmt, dass sie es sogar in „Das Kapital“ schaffte, wo Karl Marx sie als „eine einzige Uhrenmanufaktur“ bezeichnete. Die Einwohner:innenzahl stieg innerhalb weniger Jahre von 12.000 auf 24.000. Die Werkstätten, die in den Häusern untergebracht waren, hatten dank des großen Abstands der einzelnen Gebäude zueinander reichlich Sonnenlicht.
Nein, La Chaux-de-Fonds ist kein Ort, der ins Postkartenbild der Schweiz passt, und genauso wenig ist es das 40 Bahnminuten östlich gelegene Biel. Beides sind Städte, die auf Arbeit gründen: Gemeinsam mit dem kleineren Le Locle bildeten sie lange Zeit das Herz der Schweizer Uhrenindustrie. Vom wirtschaftlichen Glanz der alten Tage ist heute wenig geblieben. Die Arbeitslosenquote ist für Schweizer Verhältnisse hoch, die Städte müssen sich neu erfinden.
In Biel prägen Bauten aus den 1920er und 1930er Jahren das Stadtbild, vor allem im Zentrum. Da mutet das imposante Volkshaus von Eduard Lanz mit seiner Klinkerfassade beinahe hanseatisch an. Da kommt die schneeweiße Doppelturnhalle der Neumarktschule ohne jede Ornamentik, Erinnerungen an das Dessauer Bauhaus werden wach. Da lungert das Jurahaus rundlich, keck und himmelblau an einer Straßenecke. Da ist die Grand Garage du Jura – ein Mehrparteienwohnhaus mit Werkstatt und ausladenden überdachten Autostellplätzen im Parterre – eines der ältesten Zeugnisse der Automobilarchitektur in Europa.
„Mit über 300 Gebäuden besitzt Biel heute eines der weltweit geschlossensten Ensembles dieser Zeit, vergleichbar damit ist eigentlich nur noch Tel Aviv“, sagt Matthias Grütter. Er ist eine Art Ein-Mann-Unternehmen in Sachen Bieler Moderne, macht Stadtführungen, veröffentlicht Postkarten und Kalender, kennt jedes Treppenhaus. Vier Faktoren seien damals zusammen gekommen, erklärt er: Die Versetzung des Bahnhofs sorgte dafür, dass es mitten in der Stadt Bauland gab. Gleichzeitig wuchs Biel in dieser Zeit stark. „Dazu kam der politische Wechsel, 1921 wurde Biel sozialdemokratisch. Auf all das traf die neue Bauform der Moderne.“
In La Chaux-de-Fonds hatte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ein zweiter architektonischer Aufschwung begonnen, der ebenfalls in die Moderne führt. Es etablierte sich eine eigene Prägung des Jugendstils: Der sogenannte Style sapin („Tannenstil“) integrierte alpine Naturmotive in die Dekore. Dieses kreative Milieu prägte auch den in der Stadt geborenen Le Corbusier. Er lernte an der örtlichen Kunstgewerbeschule zunächst Gravierer und Ziseleur, bevor er sich der Architektur zuwandte. Mit frühen Werken wie der noch im Jugendstil begründeten Villa Fallet (1905) und der bereits deutlich reduzierteren Maison Blanche (1912) wandelte er sich hier vom Kunsthandwerker zum Pionier der internationalen Moderne.
Natürlich besuchen Interessierte diese Häuser. Staunen ob der offenen Raumkonzepte in der weißen Villa, versuchen irgendwie einen Zusammenhang zu den Wohnmaschinen zu finden, mit denen „Corbu“ später berühmt wurde. Und auch Biel steht mit seinen Baudenkmälern durchaus auf der Liste der Architekturfans. Dennoch ist der Tourismus, traditionell einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Schweiz, in den beiden Städten noch nicht angekommen. Matthias Grütter zuckt mit den Schultern. „Industriestädte werden unterschätzt, das ist doch überall so. Da wollen die Leute nicht unbedingt ihre freien Tage verbringen. Dabei sind Städte wie Biel niederschwellig. Es geht hier nicht darum, zu repräsentieren oder um teure Kleidung. Du kannst dich geben, wie du bist.“
Die Schweizer Uhrenindustrie, ohne die La Chaux-de-Fonds und Biel keine bedeutenden Städte wären, florierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – um anschließend überrollt zu werden, denn in den 1960er Jahren kam die Quarzuhr auf. Sie kostete in der Herstellung nur einen Bruchteil der mechanisch angetriebenen Modelle, lief genauer und wurde vornehmlich in Fernost produziert. Für die Uhrenstädte war dies eine Zäsur, die bis heute nachwirkt. Denn zwar hat man sich von der sogenannten Quarzkrise auf dem Papier erholt, vor allem durch die Schweizer Quarzuhr Swatch und eine kompromisslose Ausrichtung auf das absolute Luxussegment. Doch das verdiente Geld wird zu großen Teilen an anderer Stelle versteuert.
Matthias Grütter, Stadtführer
Zugleich wirken Biel und La Chaux-de-Fonds durch ihren vergleichsweise günstigen Wohnraum als soziale Auffangbecken für einkommensschwache und von Erwerbslosigkeit bedrohte Haushalte. Während im Schweizer Gesamtschnitt die Sozialhilfequote bei rund 2,9 Prozent liegt, sind in Biel 9,1 Prozent und in La Chaux-de-Fonds 8,5 Prozent der Bevölkerung auf behördliche Unterstützung angewiesen. Die Durchschnittseinkommen liegen deutlich unter dem Schweizer Mittel.
Doch gerade weil die beiden Städte vergleichsweise arm sind, entstehen Freiräume, die auf sehr unterschiedliche Art und Weise genutzt werden. So darf sich La Chaux-de-Fonds im nächsten Jahr „Schweizer Kulturhauptstadt“ nennen. Der neu geschaffene Titel, der zukünftig im Abstand von drei Jahren vergeben wird, soll vor allem die mittelgroßen Schweizer Städte stärken. „Wir haben beim europäischen Kulturhauptstadtprogramm gesehen, dass Städte, die bereits als kulturelle Zentren anerkannt sind, von dieser Art von Programm nicht profitieren“, erklärt Projektleiter Olivier Schinz. In seiner Heimatstadt seien die Voraussetzungen hingegen ideal. Bekannt sei La Chaux-de-Fonds wegen seiner Rolle in der Uhrenindustrie durchaus. Gleichzeitig wachse die kulturelle Szene beständig, eben auch aufgrund der günstigen Mieten.
Im Zentrum werden dabei die Anciens Abattoirs stehen, die ehemaligen Schlachthöfe der Stadt, die unter anderem zwölf Akteur:innen aus der Region als Fläche dienen sollen. Die Bandbreite reicht dabei von der Fédération Africaine des Montagnes Neuchâteloises, die die Bedeutung der afrikanischen Diaspora in der Region aufzeigen soll, bis zu den Anarcho-Musiker:innen des Watchmaking Metropolis Orchestra.
„Bilbao-Effekt“ nennt man die erfolgreiche Wiederbelebung durch Kulturprojekte, die spanische Stadt erfuhr nach der Eröffnung des Guggenheim-Museums 1997 einen rasanten Wandel. Neu gebaut wird in La Chaux-de-Fonds nicht, trotzdem soll das Jahr nachwirken. Die Macher:innen gehen davon aus, dass sich das städtische Leben durch die zahlreichen Veranstaltungen in Richtung der Schlachthöfe verschieben wird. Und sie hoffen, dass die Abattoirs auch nach dem Festival als Kulturstätte erhalten bleiben.
In Biel findet sich ein anderes Leuchtturmprojekt: Das Terrain Gurzelen ist ein Hybrid aus autonomem Kulturzentrum, öffentlichem Park, Sportstätte und soziokulturellem Experimentierfeld auf insgesamt 24.000 Quadratmetern eines ehemaligen Fußballstadions. An die 50 Initiativen haben hier ein Zuhause gefunden, nachdem der FC Biel 2015 seinen Spielbetrieb in eine neu erbaute Arena verlegte. Was ursprünglich als eine Zwischennutzung für drei Jahre gedacht war, geht bald in sein elftes Jahr.
Als „pragmatisch gemachte realistische Utopie“ bezeichnet Vorstandsmitglied Matthias Rutishauser das Terrain. „Am Anfang hatte die Stadt schon Angst. Die dachten, wir kommen hier mit Bauwagen an und leiten daraus dann womöglich irgendein Folgerecht ab. Aber wir hatten in der Politik Leute, die an das Projekt geglaubt haben. Und das ist genau, worum es bei so etwas geht.“
Foto: Jochen Overbeck
Heute hat sich das Terrain Gurzelen etabliert. Schlendert man mit Rutishauser über das Gelände, vorbei an der Kinderbaustelle oder dem inklusiven Gärtnerprojekt „Langsamer“, merkt man rasch: Der ist stolz, weil er um die Singularität des Ortes weiß, der mittlerweile zahlreiche Besucher:innen anzieht. „Andere Zwischennutzungsprojekte sind interessiert, Stadtplaner:innen, Architekt:innen, wir geben locker dreißig, vierzig Führungen pro Jahr“, erzählt er.
Rutishauser selbst ist auch einer der Motoren hinter „Tennis Champagne“, dem einzigen Rasentennisplatz in der Schweiz, der gegen eine niedrige Gebühr für alle zugänglich ist. „Wir haben hier ein Luxusgut demokratisiert“, sagt er. Dazu passt, dass ein paar Meter entfernt ein Bolzplatz liegt, auf dem die Kids aus dem Stadtviertel kicken. „Am Anfang fanden uns manche Leute im Viertel schon freaky. Aber die Akzeptanz ist über die letzten Jahre gewachsen. Auch die Leute, die bei Swatch arbeiten, kommen auf einen Apéro vorbei oder die Bauarbeiter für ihr Mittagessen. Dennoch bleiben wir ein alternativer Ort.“
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Bloß wie lange noch? Längst gibt es einen Masterplan zur Bebauung des Terrains. Aber alle Beteiligten sind guter Dinge, dass noch einmal zehn Jahre drin sind: In der Stadt hat gerade die Erschließung des ehemaligen Spitals Beaumont Priorität.
Der Schweizer Tages-Anzeiger, der 2020 Biel noch zur „am meisten missverstandenen Stadt des Landes“ krönte, titelte drei Jahre später: „Auffallend viele Zürcherinnen und Zürcher ziehen nach Biel“. Ein bisschen was scheint also in der Luft zu liegen. Gentrifizierung ist in den beiden Städten dennoch kein allzu großes Thema. Dafür ist der Wohnungsmarkt noch zu entspannt. La Chaux-de-Fonds schützt zudem seine Lage: Auf 1.000 Höhenmetern zu leben, das muss man schon wollen.
Transparenzhinweis: Die Recherchereise wurde unterstützt von Jura & Drei-Seen-Land.
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