Die Buchliste für den Herbst: Best of Buchmesse

Zur Frankfurter Buchmesse stellt die taz FUTURZWEI-Literaturliste die besten Bücher mit Zukunft zusammen.

Bild: dpa

Bücher mit Zukunft im Herbst 2020

KLAUS THEWELEIT: HON. Warum Cortés wirklich siegte

Klaus Theweleit erzählt im dritten und letzten Teil seiner Pocahontas-Tetralogie, wie der eurasisch-amerikanische Mann den Rest der Welt wirklich unterworfen hat; nicht wegen überlegener Militärstrategie, Waffen, Religion oder gar Geist, sondern wegen der erworbenen Kulturen des Segmentierens (Auswählens) und Sequenzierens (Weiter- entwickelns), im Fall der eigentlichen Bevölkerung Amerikas mittels Tier-Bakterien. Und das ist erst der Anfang dieses gewaltigen Aufklärungsbuches singulären Thewe-Sounds, mit singulärem assoziativem und psychoanalytischem Kuratieren einer riesigen Material-Collage von Bildern, Zitaten und analytischen Kreuz- und Querverbindungen.

Matthes & Seitz, 2020 – 616 Seiten, 38 Euro

 

ANNA PRIZKAU: Fast ein neues Leben

FAS-Redakteurin Prizkau, 36, hat ihre Erfahrungen als Einwandererkind, Teenager und Berufsanfängerin in zwölf schöne Stücke Literatur gegossen. Sie kommt in der Bundesrepublik an, aber eben nur fast. Wie einen Bittermandel-Shake mixt sie Gefühle und schöpft dabei aus langjährigen Erfahrungen, einem tiefen persönlichen Verständnis und manchmal naiver Beiläufigkeit. Weg lässt sie Zutaten wie gegenseitige Schuldzuweisungen, polarisierende Fronten oder gar Zynismus. Genau das macht Prizkaus Erzählungen so stark, so beseelt, so emotional wahr. (Dana Giesecke)

Matthes & Seitz, 2020 – 111 Seiten, 18 Euro

 

INGOLFUR BLÜHDORN: Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit

Die durch die Corona-Einsicht begründete Hoffnungserzählung wird nicht eingelöst werden, wie solche Hoffnungserzählungen nie eingelöst wurden. Die Corona-Politik zeigt vielmehr die Endlosschleife, aus der die Bemühungen um die sozialökologische Transformation nicht hinauskommen. Angeblich finden alle, dass es so nicht bleiben kann, tatsächlich aber, dass es bloß nicht anders kommen darf. (Beate Willms)

Transcript, 2020 (aktualisierte Auflage) – 334 Seiten, 20 Euro

 

PHILIP MANOW: (Ent-)Demokratisierung der Demokratie

Je mehr jemand eine Partei repräsentiert, desto weniger erfolgreich ist er in der Gesamtgesellschaft, je mehr innerparteiliche Partizipation, desto schwieriger Repräsentation; Demokratisierung ist gleichzeitig auch Entdemokratisierung, und weil alles so kompliziert ist, wird Polarisierung gegen das »Parteien-Establishment« als Ausweg nachgefragt. Das Ergebnis kann dann Macron sein oder eben Trump.

edition suhrkamp, 2020 – 160 Seiten, 16 Euro

 

HEDWIG RICHTER: Demokratie: Eine deutsche Affäre

Gebildetes Halbwissen über Demokratie und so weiter kann man mit diesem Buch von Geschichtsprofessorin Richter in neue, überraschende und profunde Fortgeschrittenenkenntnisse transformieren, mit denen man echt weiterdenken kann.

C.H. Beck, 2020 – 400 Seiten, 26,95 Euro

 

MARYSE CONDÉ: Das ungeschminkte Leben. Autobiografie

Maryse Condé, 1937 auf Guadeloupe geboren, beginnt 1953 mit dem Studium in Paris. Die junge Frau aus der Karibik begeistert sich für die antikoloniale Bewegung. Von Männern wird sie schwer enttäuscht. Doch sie findet ihren Weg und lernt dabei sehr unterschiedliche afrikanische Realitäten kennen. Beeindruckend unsentimental und selbstkritisch formuliert, so geht Postkolonialismus. (Andreas Fanizadeh).

Luchterhand, 2020 – 304 Seiten, 22 Euro

 

MARKUS GABRIEL: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten 

Der Philosoph Gabriel wird ja gerne kritisiert, aber etwas Substanzielleres als das zentrale Kapitel über Identitätspolitik muss man erst mal finden.

Ullstein, 2020 – 368 Seiten, 22 Euro

 

HANS ULRICH GUMBRECHT: Crowds: Das Stadion als Ritual von Intensität

Ein Fußballspiel ohne Leute im Stadion bleibt ein Fußballspiel, ist aber kein Ritual mehr. Was den Stadiongängern verloren geht, ist sich selbst in sonst nicht präsenten Möglichkeiten der Existenz zu erleben, auch als Teil eines Kollektivs.

Klostermann, 2020 – 153 Seiten, 14,80 Euro

 

Die taz FUTURZWEI-Buchliste wird kuratiert von der taz FUTURZWEI-Redaktion. Mit Beiträgen von Andreas Fanizadeh (taz-Feuilletonleiter), Tania Martini (taz-Redakteurin politisches Buch) und Beate Willms (taz-Leiterin Ökologie & Wirtschaft).