Christiane Paul beantwortet Fragen: Was hat Ihr Denken beeinflusst?

Die Schauspielerin und Emmy-Preisträgerin Christiane Paul füllt den taz FUTURZWEI-Fragebogen aus.

Foto: Daniel Hofer/laif

Wer hat Ihr Denken beeinflusst?

Unter anderem der Medienwissenschaftler Neil Postman mit seinem Buch: Wir amüsieren uns zu Tode, das Mitte der 1980er-Jahre erschienen ist. Ich habe es als Studentin gelesen. Es hat mich damals sehr beeindruckt, weil er aufgezeigt hat, wie sehr sich unsere Gesellschaft durch die Telekommunikation – beginnend bei der Erfindung der Telegrafie – verändert, wie stark Wahrheit und Inhalte beeinflusst werden oder es gar keine Inhalte mehr gibt. Letztlich hat er schon vor 40 Jahren vor Fake News und vor den Auswirkungen von Social Media gewarnt.

Ihre Lieblingsdenkerin, die sonst niemand kennt?

Die habe ich tatsächlich nicht. Ich habe vor zwei Jahren die Biografie der Künstlerin Marina Abramović gelesen, die ja viele kennen. Ich kannte sie aber tatsächlich bis dahin noch nicht. Mich haben nicht nur ihre Geschichte, der Ansatz ihrer Kunst und ihre radikalen Performances bewegt, sondern auch ihre Methode, wie sie sich allem nähert. Mir gibt das wahnsinnig viel für meine Arbeit. Mein Traum wäre es, mal an einem ihrer Workshops teilzunehmen.

An welchem gefährlichen Gedanken denken Sie rum?

Am Sturz des Kapitalismus.

Welche Diskussion ist komplett festgefahren?

Die, ob Greta nun Recht hat oder nicht. Hat sie natürlich.

Welche Position langweilt sie?

Die der Klimaskeptiker.

Welche drei Menschen der Zeitgeschichte würden Sie zu einem Abendessen einladen wollen?

Ehrlich gesagt, habe ich ja manchmal das Glück, durch meinen Beruf auf solche Menschen zu treffen. So hatte ich nach einer Lesung Gelegenheit, mich länger mit Naomi Klein zu unterhalten, die ich sehr verehre. Also deshalb würde ich mich vielleicht am liebsten zum Abendessen mit meinen Freunden treffen, wenn das wieder richtig möglich ist, mich mit ihnen austauschen, nach dieser für uns alle nicht leichten Pandemiezeit. Naja, vielleicht würde ich doch gern Kamala Harris treffen. Das wäre schon toll.

Wen finden Sie gut, obwohl Ihre Peergroup ihn oder sie blöd findet?

Markus Söder.

Welche drei Bücher würden Sie als Deutschlehrer/-in lesen lassen?

Normal People von Sally Rooney, Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara, Machandel von Regina Scheer.

Welche Künstler/-innen sind auf der Höhe der entscheidenden Fragen?

Die amerikanische Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe als Stimme eines neuen Amerikas, die Künstlerin Cindy Sherman, die sich in ihren Arbeiten mit dem zum Teil pervertierten heutigen Rollenbild der Frau auseinandersetzt, und Christo, obwohl er schon tot ist. Aber er hat Unglaubliches mit seiner Kunst geschaffen. Er hat Kunst erlebbar gemacht und durch sie Menschen, egal welcher sozialen Schicht sie angehören und ob sie sich mit Kunst auskennen, zusammengebracht.

Die überschätzteste Figur der Gegenwart überhaupt.

Donald Trump. Man hätte diesem Mann niemals eine öffentliche Plattform, geschweige denn ein Amt geben dürfen. Mit den verheerenden Folgen wird die ganze Welt noch lange zu tun haben.

Warum scheuen Linke den Humor?

Weil sie zu viel Angst haben.

Wissen Sie, was Sie hoffen?

Nein, da bin ich mir tatsächlich nicht sicher. In dem Film Stalker von Tarkowski gibt es diese Geschichte, dass sich jemand im »Raum der Wünsche« seinen toten Bruder zurückgewünscht hat, stattdessen aber reich wurde. Vielleicht ist es manchmal besser, nicht zu wissen, was wir tief innen hoffen, nicht zu wissen, was es wirklich ist, was wir wünschen.

Findet Sie das Glück?

Jetzt muss ich lachen! Ich denke, ja. Und darüber bin ich sehr froh und dankbar. Ich liebe übrigens dieses kleine Buch von Fischli und Weiss: Findet mich das Glück? Manchmal blättere ich darin und lese diese tollen Fragen am Frühstückstisch meinen Kindern vor.

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Das kann ich tatsächlich nicht beantworten. Ich glaube, jede Begegnung, selbst eine schlechte, hat doch irgendeinen Sinn. Selbst wenn man nur lernt, welchen Menschen man in Zukunft besser aus dem Weg geht.

Wann haben Sie aufgehört zu glauben, dass Sie klüger werden (oder glauben Sie es noch)?

Ich glaube es noch.

Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es gegen den Widerspruch der Mehrheit befehlen? Ja oder nein?

In der Politik: Nein. In der Kunst: Ja.

Mehrheitsentscheidungen in der Politik sind die Basis der Demokratie und als diese existenziell wichtig. Gerade jetzt sehen wir leider wieder in einigen Ländern der Welt, wie demokratische Grundwerte von einzelnen Autokraten unterlaufen werden. Zum Schaden der Gesellschaft. In der Kunst, im Film zum Beispiel, ist es total wichtig, sich gegen eine Mehrheit durchzusetzen. Manchmal braucht es die unangepasste Entscheidung Einzelner, um etwas wirklich Großes zu bewegen, etwas Neues oder Einzigartiges zu schaffen. Dafür bedarf es des Mutes, sich gegen Konvention, Kommerz und Allgemeinheit durchzusetzen.

Wenn Sie und alle, die Sie kennen, tot sind – interessiert Sie dann die Weiterexistenz der Menschheit noch?

Auf jeden Fall. Ich möchte doch wissen, ob wir es geschafft haben als Menschheit, Klimawandel, soziale Ungleichheit, Krieg und all die anderen großen Probleme zu lösen.

L ernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?

Hoffentlich ... das wäre schon gut, oder?

Worum geht es im Leben eigentlich?

Um die Liebe.

Gibt es zu viel des Guten?

Bestimmt.

Wie alt möchten Sie werden?

Schon alt. Ich möchte sehen, wie meine Kinder im Leben stehen und vielleicht habe ich dann ja auch Enkelkinder. Das wäre toll. Und ich hoffe, dass ich das mit meinem Mann zusammen erleben darf.

Es gibt nur Gangster oder Trottel. Was sind Sie dann?

Ganz klar Gangster.

Christiane Paul ist Schauspielerin und Emmy-Preisträgerin. Sie lebt in Berlin.