Aus der Rubrik „Frag Frank“: Darf ich fragen, woher Sie kommen?

Darf ich Fremde fragen, woher sie kommen? Arno Frank fragt das immer – und muss es sogar.

Foto: AP

Von ARNO FRANK

»Ja, klar … aber hey!?« ist ein Satz, bei dem ich mich immer häufiger ertappe. Ich habe ihn auch schon analysiert. Mit »Ja, klar« anerkenne ich zunächst den guten Willen hinter einem bestimmten Anliegen. Mit » … aber hey!?« allerdings ziehe ich seine Prämissen in Zweifel und weise das Anliegen in Bausch und Bogen zurück. Menschen können mit einem quasimagischen »Sprechakt« zwar nicht einmal ihre Steuerklasse, aber das Geschlecht wechseln? Ja, klar …

Unter vorgeblich zu einem tieferen Verständnis für alle möglichen Diskriminierungen erwachten »Linken« gilt es auch längst als ausgemacht, die Frage nach der Herkunft tunlichst zu unterlassen. Mein Wohlwollen für progressive Ansichten ist hier schon vor Jahren erstmals ernsthaft geprüft worden – und hat diese Prüfung nicht bestanden. Ich darf nicht nur fragen, ich muss sogar.

Dabei möchte ich für mich das hermeneutische Wohlwollen in Anspruch nehmen, dass meine vorsichtige Frage (»Ich frage mich, ob ich Sie fragen darf, woher Sie kommen?«) nicht rassistisch gemeint ist. Wer in zweiter, dritter oder vierter Generation in Deutschland lebt, hier geboren ist, vielleicht sogar eine akademische Ausbildung genossen hat, wird mir nun entgegnen (»Ja, klar … aber hey!?«), dass diese Frage vom Befragten als rassistisch empfunden wird – und es demnach ist.

Integration ins Verkniffene

Falls sie das sein sollte, wird der Betroffene mir schon die Meinung geigen. Passiert ist das allerdings noch nie, und ich frage wirklich immer. Erst neulich den asiatisch wirkenden Taxifahrer, der mich von Wiesbaden nach Frankfurt chauffierte. Er hieß Amin, 53, kam aus Zentralafghanistan und gehörte der Ethnie der Hazara an – daher das asiatische Aussehen. Ich heiße Arno, 50, komme aus Südwestdeutschland und gehöre der Ethnie der Pfälzer an – daher die Wampe.

Wir haben uns gut unterhalten. Über Eintracht Frankfurt, persische Dialekte und die Arschgeigen von den Taliban. Wir haben uns so gut unterhalten, dass Amin eine Ausfahrt verpasste und den Taxameter abstellte. Selbstverständlich würde ich in 45 Minuten, statt schweigend den Fahrer nur in seiner Funktion als Fahrer zu funktionalisieren, auch einen autochthonen Chauffeur nach seiner Herkunft fragen. Schwaben ist für mich aber nicht so interessant wie Hazarajat.

So dumm kann ich mich gar nicht stellen, den Fremden nicht als Fremden zu erkennen. Wer danach nicht gefragt werden, das Fremde an sich in Abrede stellen und das Fremde an anderen ungefragt eingevolksgemeinschaften will, dem sei herzlich zu seiner gelungenen Integration ins Verkniffene gratuliert. Er ist bereits spießiger als die kartoffeligsten Deutschen, die er sonst in fröhlicher Herablassung so gerne »Almans« nennt.

Unser Esel im Internet

Am Ende erzählte mir Amin noch vom Kaff seiner Kindheit, Tulwara, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Buddha-Statuen von Bamiyan. Bis in die späten Siebzigerjahre seien dort immer Touristen aus dem Westen durchgekommen, Hippies halt. Und diese Leute hätten permanent fotografiert, auch sein Dorf und darin die Kinder – also auch ihn. Ob dieses Fotografiertwerden, wollte ich wissen, ihn nicht traumatisiert hätte?

»Traumatisiert? Nein! Warum? Ich sitze Abend für Abend vor dem Rechner und suche im Internet nach Fotos aus meinem Dorf. Einmal habe ich schon unseren Brunnen entdeckt, einmal einen Esel, an den ich mich erinnere. Und eines Tages, ich weiß es genau und gebe die Hoffnung nicht auf, wird irgendwer von diesen alten Hippies doch irgendwann mal irgendwo ein Foto hochladen, das mich zeigt. Dann hätte ich endlich ein Kinderfoto von mir. Dann wäre ich glücklich.«

Ja, klar … aber hey!