daily dope (312)

Das finnische Leichtathletikwunder der Siebziger- und Achtzigerjahre war kein „Wunder“. Es war Ergebnis eines systematischen Gebrauchs von Dopingmitteln. Dies behauptet jetzt der ehemalige Trainer der finnischen Skilanglaufnationalmannschaft, Kari-Pekka Kyrö: „Es ist höchste Zeit, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass die Sporterfolge unseres Landes seit Ende der Sechzigerjahre zu einem erheblichen Teil auf den Einsatz verbotener Präparate zurückgehen“, erklärte er in der Tageszeitung Ilta Sanomat: „Die Sportfunktionäre waren sich dessen auch bewusst und ihnen war bekannt, dass man mit Hormonen und mit Blutaustausch arbeitete.“ Kyrö, selbst eine zentrale Figur im Dopingskandal, der 2001 ausgerechnet bei der Skilauf-Weltmeisterschaft im einheimischen Lahti aufgedeckt wurde und bei dem sechs der populärsten und erfolgreichsten SkilangläuferInnen des Landes des Dopings überführt worden waren, nennt nun auch Namen.

Und Kyrö behauptet, dass er beispielsweise selbst 1998 den Trainerposten nur unter der Voraussetzung erhalten habe, den vorgegebenen Dopingkurs auch weiter beizubehalten. Die von Kyrö mit so großer zeitlicher Verzögerung angeschwärzten Funktionäre schweigen oder verneinen die Anschuldigungen. Seppo Nuuttila, ehemaliger Cheftrainer der Leichtathletiknationalmannschaft, droht mit gerichtlichen Schritten, sollte Kyrö behaupten, „dass ich bei dem Beschluss teilhaftig war, verbotene Präparate zu verabreichen“. Ein etwas verklausuliertes Dementi.

Und tatsächlich wurde bislang zwar in keiner Sportart ein so umfassendes Doping aufgedeckt wie bei Finnlands SkisportlerInnen. Doch wäre es seltsam, hätte sich die Dopingszene auf diesen Bereich beschränkt. So reicht die Liste der seit den Siebzigerjahren durch zufällige Dopingtests aufgeflogenen finnischen „Einzelfälle“ von Kugelstoßern über Diskus- und Speerwerfer zu Hochspringern und Langläufern.

Von einer Dopingkultur auf DDR-Niveau wussten die Medien schon beim Skilaufskandal 2001 zu berichten. Damals war eine Untersuchungskommission eingesetzt worden, welche die Dopingspur der letzten drei Jahrzehnte zurückverfolgen sollte. Allzu ergiebig waren deren Ergebnisse nicht. Es wurden die bekannten Dopingfälle aufgelistet. Und auch die neuen Anschuldigungen für den Bereich der Leichtathletik dürften vermutlich unbewiesen bleiben. Sollten Beteiligte sich nicht doch noch zum Reden entschließen. Seppo Nuuttila: „Oder sollen wir jetzt Gräber öffnen und die sterblichen Überreste der Sportler testen?“ REINHARD WOLFF