NICHT DER OPA IST DAS PROBLEM, SONDERN DIE HALTUNG DES ENKELS

Der seltsame Stolz des Friedrich Merz

Für seinen Opa kann keiner was, auch Friedrich Merz nicht. Was aber einer über seine Vorfahren sagt, wie er sich zu ihnen und ihren Taten stellt, das steht jedem Menschen frei, auch jedem Politiker. Der CDU/CSU-Fraktionsvize hat sich mit seinen extremen Bemerkungen auf einer Parteiversammlung diese Freiheit genommen. Nun muss er damit leben, dass man ihn danach beurteilt.

Nicht über den Privatmann Josef Paul Sauvigny hat Merz gesprochen, nicht über Kindheitserinnerungen an einen möglicherweise netten Opa. Der Politiker Friedrich Merz hat über den Politiker Sauvigny gesprochen, hat ihn als ein Vorbild angeführt – für sich und die CDU in seiner Heimatstadt Brilon im Sauerland. Nicht skeptisch oder gar kritisch hat er an dessen Amtsjahre bis zur Pensionierung auf dem Höhepunkt der Nazizeit 1937 erinnert, sondern unbekümmert stolz.

Was Lokalhistoriker über den Bürgermeister herausgefunden haben, belegt, dass Sauvigny Täter war, nicht Mitläufer: Von Anbeginn der Naziherrschaft hat er „den Führer“ öffentlich gepriesen, kurz nach der Machtergreifung ließ er kraft seines Amtes zwei Wege umbenennen in „Adolf-Hitler-“ und „Hermann-Göring-Straße“, vier Jahre lang regierte er seine Stadt zur Zufriedenheit der NSDAP. Seine erste dokumentierte Rede von 1933 lässt kaum ein NS-Klischee über die frisch zerschlagene Demokratie und die Weimarer Parteien aus.

Ungeachtet dessen führt der Enkel im Jahr 2004 das Erbe des Großvaters an, um gut gelaunt dazu aufzurufen, das angeblich „rote Rathaus“ der Stadt „zu stürmen“. Merz stellt damit ohne Not einen fatalen Zusammenhang zwischen dem heutigen Kommunalwahlkampf und der NS-Zeit her. 1933 wurden tatsächlich und teilweise gewaltsam „rote Rathäuser“ gestürmt. Schon Merz’ Großvater pries diese „nationale Revolution“ der Nazis als „Sturm“, der das Land von den „giftigen Dünsten“ einer „missverstandenen Freiheit“ reinige. Für die Verteidiger der Freiheit von Weimar war da gerade in Dachau das erste KZ eröffnet worden.

Ob Merz Haltung und Handeln seines Großvaters kennt? Von einem Politiker seines Formats kann man das erwarten. Anders als Merz’ Parteifreund Martin Hohmann – nun wegen Antisemitismus aus der Unionsfraktion ausgeschlossen – ist der frühere Fraktionsvorsitzende nicht Hinterbänkler, sondern sitzt im Reichstag und bei „Sabine Christiansen“ stets ganz vorne.

Für seinen Opa kann keiner was. Nicht die NS-Vergangenheit des Großvaters ist darum das Problem, sondern die Haltung des Enkels. Der Fall Merz zeigt, dass man selbst nach allen NS-Debatten der letzten Jahre noch irritierend gleichgültig gegenüber der deutschen Geschichte sein kann. Dass Merz sich mutmaßlich zu Unrecht kritisiert glaubt, dass er seine Verweise auf die Erfolge des Großvaters für arglos hält, dass er im Treuebekenntnis zu seinem Vorfahr gar eine Tugend sehen mag, glaubt man ihm sofort. Doch gerade darin liegt begründet, was fassungslos machen kann: Da hat einer es bis zum Oppositionsführer im Deutschen Bundestag gebracht, hat vermutlich mehr Gedenkstunden für die Opfer des Nationalsozialismus mitgemacht als die meisten Historiker und verhält sich doch so, als hätte er von der schuldhaften Verstrickung der Funktionseliten im Dritten Reich noch nie etwas gehört. Mein Bürgermeister war’s nicht, Adolf Hitler ist es gewesen.

Der Mann, der so gerne Nationalstolzdebatten anzettelt, trägt ein Geschichts- und Familienbild in sich, auf das kein Deutscher stolz sein sollte. Von Unbedachtheit kann bei Merz’ Einlassungen zu Josef Sauvigny jedenfalls keine Rede sein. Nicht nur spontan, einmalig und zur Gaudi von 160 Parteifreunden berief sich der CDU-Politiker auf den Dritte-Reichs-Funktionär. Auch in einem persönlich autorisierten Interview mit einer Berliner Tageszeitung führte er im letzten September stolz die Amtsjahre des Großvaters an. Vorsichtig formuliert verrät Merz damit ein verblüffend ungebrochenes Traditionsbewusstsein, zumal als Repräsentant einer Partei, die zu Recht für sich reklamiert, mit der antidemokratischen Tradition der deutschen Rechten gebrochen zu haben. Gerade wenn einer wie Merz von Leitkultur redet und einen Mangel an nationalem Bewusstsein nach 68 beklagt, dann muss die Abgrenzung zum Nationalsozialismus umso unzweideutiger ausfallen. Tut sie das nicht – und Merz’ Einlassungen sprechen dagegen –, dann ist der Redner eine Blamage für das Parlament, in dem er Sitz und Stimme hat.

Für seinen Opa kann keiner was, aber gerade in Bezug auf das Dritte Reich gilt, dass deutsche Geschichte immer auch Familiengeschichte ist. Wie man sich zu ihr stellt – zumal öffentlich und als Verantwortungsträger – sagt mehr als alle Gedenkreden darüber aus, wo ein Politiker in seiner inneren Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit steht. Wenn man den Fall des Fraktionsvizes wohlwollend bewertet, kann man sagen, Friedrich Merz steht noch ganz am Anfang. Das Mindeste ist, dass er sich jetzt erklärt. PATRIK SCHWARZ