Susanne Binas-Preisendörfer, kulturkämpferin

Stachel in des Establishments Fleisch

„Sind wir verwirrte Verwirrer? Oder reisen wir als Aufklärungszirkus durch dieses kleine Land und treten offene Ohren ein?“ Das fragte sich in den 80er Jahren die DDR-Band „der expander des fortschritts“. Die verließ Sängerin Susanne Binas-Preisendörfer im Jahr 1990, um sich ihrem kurz zuvor geborenen Sohn zu widmen. Geblieben ist der aufklärerische Impetus: Als „Stachel“ im Fleisch der Kulturpolitiker versteht sich die 44-Jährige aber noch heute.

Die Musikprofessorin an der Universität Oldenburg hat neben ihrer akademischen Karriere lange als Kulturmanagerin in Berlin gearbeitet. Als Sachverständige gehörte sie zur Enquete-Kommission des Bundestages, die 2007 ihren Bericht über „Kultur in Deutschland“ vorgelegt hat. Wohlgemerkt: Kultur in Deutschland, nicht deutsche Kultur, darauf legt Susanne Binas-Preisendörfer großen Wert.

Es muss ein Stück Arbeit gewesen sein, immer und immer wieder darauf hinzuweisen, dass keine gerade Linie vom römischen Reich über das christliche Mittelalter in die gegenwärtige Kulturszene führt. „Die Einflüsse sind viel vielfältiger“, davon ist Binas-Preisendörfer überzeugt. Als Historikerin der populären Musik könne man gar nicht anders, als eine globale Perspektive einzunehmen. In der Kulturpolitik allerdings ist diese Position nach wie vor: Punk.

„Die Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, ist im öffentlich geförderten Kultursektor nicht angekommen“, sagt Binas-Preisendörfer. Sicher, die Hochkultur leistet sich ein paar Vorzeigetürken. Aber in den Jurys, die Stipendien und Preise vergeben, sitzt eine rein deutsche Kulturelite, in der Oper führt das deutsche Bildungsbürgertum das kleine Schwarze aus. Kaum ein Migrant verirrt sich hierher. In der Stadtbibliothek ist die Schwelle niedriger, aber dort finden Einwanderer kaum Medien in ihrer Muttersprache. Die privatwirtschaftlich organisierte Unterhaltungsindustrie dagegen hat Migranten längst entdeckt – als Kulturproduzenten wie auch als Publikum.

Um zu sehen, wie hermetisch das deutsche Kultur-Establishment ist, braucht sich Susanne Binas-Preisendörfer nur an ihrem eigenen Arbeitsplatz umzusehen. Die Musikhochschulen, sagt sie, halten immer noch an einem Begriff von Hochkultur aus dem 19. Jahrhundert fest. Und auch wenn die Uni Oldenburg, eine Gründung der reformfreudigen 70er Jahre, sich in diesem Punkt vom Mainstream abhebt: „Migranten bewerben sich hier nie für die Musiklehrerausbildung.“

Musik als allseits Völkerverständigung stiftende Weltsprache – mit diesem Mythos möchte Binas-Preisendörfer aufräumen. Das zeige sich „schon an den Jugendkulturen: Kultur dient erstmal dazu, sich voneinander zu unterscheiden.“ ANNEDORE BEELTE

SUSANNE BINAS-PREISENDÖRFER, 44, sitzt u. a. im Beirat der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel. FOTO: UNI OL