DIE NEUEN „MINI-NUKES“ MACHEN ATOMBOMBEN ZU NORMALEN WAFFEN

Eine gefährliche Militärdoktrin

Atomwaffen sind einzigartig. Die USA hatte die Bombe gerade erstmals gegen Menschen eingesetzt, da war einigen der weitsichtigeren Köpfe unter den US-Strategen schon klar, dass die „absolute Waffe“ zum Kriegführen künftig ungeeignet sein würde. Ihre Zerstörungskraft war schlicht zu groß, ein effektiver Schutz gegen sie undenkbar.

Einige Militärs und Politiker haben sich jedoch nie damit abgefunden, dass ausgerechnet die stärkste Waffe in ihrem Arsenal als nicht einsetzbar galt. Sie waren deshalb in den USA darum bemüht, der Bombe ihren Schrecken zu nehmen. Zumindest im öffentlichen Bewusstsein sollte sie zu einer normalen Waffe gemacht werden. Stetig verfeinerte Einsatzrichtlinien und Pläne für den Aufbau von Schutzmaßnahmen wie der Raketenabwehr hatten nur ein Ziel: einen Krieg mit Atomwaffen möglich machen. Trotz dieser Versuche blieben Atombomben bislang mit einem Tabu belegt – mit dem Erfolg, dass die Verbreitung der Bombe in andere Staaten, die so genannte Proliferation, ebenfalls stets ein Tabu geblieben ist.

Wenn der US-Kongress jetzt die Entwicklung so genannter „Mini-Nukes“ erlaubt, wird das mit Atomwaffen verbundene Tabu verletzt. Schon in der letztes Jahr verabschiedeten Militärdoktrin sahen die USA den Einsatz von Atombomben auch gegen solche Staaten vor, die selbst keine besitzen. Mit der Entwicklung neuer, vermeintlich einsetzbarer Atomwaffen demonstrieren die Pentagon-Planer nun, dass sie diese Vorgabe ernst nehmen.

Die US-Regierung zeigt zudem, dass sie die Atomwaffe nicht mehr für eine einzigartige Waffe hält. Damit untergräbt sie alle Versuche, die gefährliche atomare Proliferation aufzuhalten. Der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag (NPT) wird geschwächt. Und es wird noch schwieriger werden, Nordkorea und Iran davon abzuhalten, Atomwaffen zu entwickeln, oder zu verhindern, dass Indien und Pakistan sie einsetzen. Denn wenn Atombomben Waffen wie jede andere sein sollen, dann wird auch jeder Staat das Recht in Anspruch nehmen wollen, sie sich wie jede andere Waffe zu beschaffen. ERIC CHAUVISTRÉ