Erinnerung wird gemacht: Atom Egoyans „Ararat“ im 3001

Es bleibt nur der Schmerz

Sind Sie sicher, dass es so gewesen ist?“, fragt der Zollbeamte. „Doch, genau so ist es gewesen“, sagt der junge Mann, der ihm gegenübersitzt. Dabei ist nichts weniger sicher als dies: wie es gewesen ist. Atom Egoyan umkreist diese Ungewissheit in seinem Film Ararat, er bleibt ihr dicht auf den Fersen. Am Ende wird sich herausstellen, dass in den Filmrollen, die der junge Mann über die Grenze bringen will, nicht das ist, was er vermutet hat. Aber das spielt längst keine Rolle mehr.

Das ist das Seltsame an diesem Film: dass er nach allen Regeln der Kunst ein Ereignis dekonstruiert, das dadurch nur umso mächtiger wird. Hinter den vielen Erzählungen in Ararat lauert eine Geschichte, die nicht erzählt werden kann, sondern als Schock weiterwirkt in den Nervenbahnen derer, die mit ihr verbunden sind. Die Geschichte, um die es geht, ist auch Teil von Egoyans eigener: es ist der Völkermord an den Armeniern, begangen 1915 von türkischen Truppen. Doch Egoyan ist viel zu intelligent, um den Erzählungen nicht zu misstrauen. In Ararat lässt er einen traurigen Charles Aznavour sein Alter Ego spielen, einen Regisseur armenischer Herkunft, der einen Film über das Massaker dreht. Nichts an diesem Film im Film ist wahrhaftig. Nicht der heilige Berg Ararat, der steht, wo er nie stand, nicht die Hollywood-Schminke und nicht die pittoresken Kostüme.

Und doch hat es das Ereignis gegeben, es treibt die Protagonisten an wie ein Vakuum in ihrem Inneren. Die Kunsthistorikerin Ani (dargestellt von Egoyans Frau Arsinée Khanjian), die als Beraterin zu den Dreharbeiten des Films im Film geholt wird, ist wie besessen von dem Bild eines armenischen Malers, das diesen als Jungen mit seiner Mutter zeigt. Auf dem Bild hat die Mutter, die bei den Progromen ums Leben kam, keine Hände, und Ani hat eine ausgeklügelte Theorie entworfen, warum das so ist. Der Maler wird schließlich Teil des Films im Film, aber Anis Theorie erweist sich als genauso brüchig wie alle anderen Konstruktionen, die in Ararat durchgespielt werden. Was bleibt, wenn es keine gültige Erinnerung gibt, ist der Schmerz. „Wir sind jetzt in einem neuen Land“, versucht ein Schauspieler, der im Film einen türkischen Befehlshaber spielt und darum von allen gehasst wird, historische Distanz herzustellen. Es gelingt ihm nicht. Raffi, der junge Mann, der später am Zoll festsitzen wird, stößt den Schauspieler zurück. Dabei hat er bis dahin Armenien nie gesehen, er ist Kanadier wie der Schauspieler auch.

Offenbar ist das aber nicht die ganze Wahrheit. Es bleibt ein Rest, der in den Köpfen weiterwirkt wie ein Gift. „Alles, was ich gesagt habe, ist genau so gewesen“, sagt Raffi dem Zollbeamten. Inzwischen ist er am Berg Ararat gewesen und hat sich seine eigene Geschichte gemacht. Der Beamte lässt ihn schließlich gehen, obwohl in den Filmrollen Heroin versteckt ist. „Ich habe ihm geglaubt“, erklärt er später. Vielleicht ist es das, worauf es am Ende ankommt: dass es jemanden gibt, der die Geschichte glaubt. Daniel Wiese

Ab Freitag, 19 Uhr, 3001