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Liebesglück, beim Teutates!

„Les Amours d’Astrée et de Céladon“, ein Schäferroman des 17. Jahrhunderts, in der Verfilmung von Eric Rohmer

Über 5.000 Seiten schilderte Honoré d’Urfé in seinem Anfang des 17. Jahrhunderts erschienenen Schäferroman „Les amours d’Astrée et de Céladon“ die unnötige Entfremdung zweier Liebender. Die Schäferin Astrée sieht, wie der Schäfer Céladon, den sie liebt, eine andere küsst. Weil seine Eltern Astrée nicht wollen, hat sie selbst ihm geraten, die Liebe zu einer anderen vorzutäuschen. Jetzt aber verflucht sie ihn und befiehlt ihm, ihr für immer aus den Augen zu gehen. Aus dem wie mit Fleiß missverstandenen Kuss folgt so die Trennungsgeschichte von Céladon und Astrée, die in vergleichsweise atemberaubender Raffung Eric Rohmer verfilmt hat. 86 Jahre alt war Rohmer, als er den Film drehte. Es handelt sich, so sagt er selbst, um sein letztes Werk. Es ist ein hinreißender Film geworden.

Klein ist der Anlass, groß ist das Unglück. Der schöne Céladon (Andy Gillet) ritzt schnell noch ein Gedicht in einen Baum und springt in den Fluss. Die nicht minder schöne Astrée (Stéphanie Crayencourt) glaubt ihn tot und beschließt, auf ewig zu trauern. In Wahrheit wird Céladon von drei Nymphen am Ufer gefunden und in ein Schloss gebracht. Dort erwacht Céladon zwischen Renaissance-Gemälden und denkt, er sei tot, ist es bei Gott aber nicht. Die Nymphen päppeln ihn hoch und sind sehr charmiert. Galathée (Véronique Reymond), eine von ihnen, will ihn für sich, eine andere, Léonide (Cécile Cassel), steckt ihn in Frauenkleider und schmuggelt ihn aus dem Schloss. Er kehrt nicht zurück zu Astrée, sondern geht depressiv in den Wald und errichtet, durch Léonide und ihren Onkel, den Druiden Adamas (Serge Renko), ermuntert, ein kleines, der Göttin Astrée gewidmetes Heiligtum.

Hin und her geht es zwischen einer vor lauter Trauer verstockten Astrée und dem trotzig im Wald verharrenden Céladon. Mit allergrößter Selbstverständlichkeit filmt Rohmer dabei die in freier Natur, in Wäldern und Fluren wandelnden jungen Menschen. Eine Schrifttafel am Anfang erklärt, dass die Geschichte im fünften Jahrhundert in Gallien spielt. Also verfilmt Rohmer die Fantasie eines Autors des 17. Jahrhunderts von einer früheren Zeit. So viel anders als im Paris der Gegenwart geht es allerdings auch wieder nicht zu. Es werden über die Liebe Diskurse geführt, die Seele, die Körper, worauf man sich konzentrieren sollte, solche Sachen. Einer der jungen Männer springt herum, singt und feiert die Promiskuität. Ein anderer plädiert eher humorlos für die Verschmelzung der Seelen. An anderer Stelle diskutieren Céladon und Adamas über die Götter der Römer und den einzigen, hier als keltischer Teutates vorgestellten christlichen Gott.

Der Film steht, wie Rohmers Filme eigentlich immer, bei alledem mit leiser Distanz am Rand und beobachtet, was sich abspielt, mit von Bösartigkeit nicht immer ganz freiem Vergnügen. Es muss, ohne unnötigen Ernst, das glückliche Ende herbeigeführt werden, nach dem es das Genre verlangt. Erst sitzt Céladon noch im Holz-Tipi im Wald und kommt von Astrée, seiner Liebesgöttin, nicht los. Dann sieht er sie liegen im Schlaf und küsst sie und sie verkennt ihn und auch wieder nicht. Wir hören von einer Urszene, in der Céladon sich als Mädchen verkleidet, das sich als Junge verkleidet für ein Theaterstück. Hinaus läuft das Ganze dann auch auf ein großes, lustspielartiges Geschlechtertauschszenario. Astrée liebt Alexia, die in Wahrheit Céladon ist. Was sie erst merkt, als sie ihr/ihm an die Wäsche geht. Es war schon immer ein Missverständnis, zu glauben, es gebe bei Rohmer auch nur eine Einstellung oder ein Wort zu viel. Das Glück, das Céladon und Astrée finden, bedarf keiner weiteren Erklärung. Darum macht Rohmer – mit diesem Film, mit seinem Werk – an dieser Stelle so souverän wie abrupt einfach Schluss. EKKEHARd KNÖRER

Der Film ist unter dem englischen Titel „The Romance of Astrea and Celadon“ via amazon.co.uk für rund 15 Euro erhältlich