piep, piep, piep, vaterland ist lieb von WIGLAF DROSTE

„Ich werd’ noch hundert Jahre alt“, hatte Johannes Heesters in einem gleichnamigen Lied gedroht – heute macht er es wahr: Wie Ernst Jünger und Leni Riefenstahl schafft Heesters die Eins vor der Doppelnull. Die Promi-Absaugstutzen des Tratschgewerbes finden das auch ganz, ganz toll. Dass Heesters 1941 in Dachau für KZ-Wachmannschaften auftrat, will schon lange kaum jemand mehr wissen – Johannes Heesters sowieso nicht. Hartnäckig behauptet er in Interviews: „‚Heil Hitler!‘ habe ich nie gesagt.“

Sicherlich hätte Johannes Heesters nach 1945 und vielleicht sogar schon vorher wirklich gern niemals „Heil Hitler!“ gesagt; seinen kleinen Unterhaltungsbeitrag zur nationalsozialistischen Mordmaschinerie aber streitet er bis heute ab, von Bedauern zeigt er keine Spur. Im Gegenteil: Heesters sieht sich selbst als eigentliches Opfer der Nationalsozialisten – ihn zwangen sie, Unangenehmes zu tun. Für KZ-Aufseher singen und scherzen, das war nicht ganz die Operettenwelt des Johannes Heesters. Getan hat er es trotzdem.

Dass die wahren Opfer des Nationalsozialismus die Deutschen seien, ist ein Märchen, das Konjunktur hat: So sehr haben sie gelitten und haben angeblich nie darüber reden dürfen. Nur knapp 60 Jahre hat es gedauert, bis alle, die sich beim Anzünden der Öfen die Hände verbrannten, ihre Wunden vorzeigen können und dafür bemitleidet werden. Die Deutschen versöhnen sich mit sich selbst und ihrer Vergangenheit; für ihre Opfer ließen sie jedes Mitgefühl vermissen, für sich selbst haben sie jede Menge davon.

Im funzeligen Licht des neuen deutschen Selbstmitleids sieht auch die Gegenwart schön weichgezeichnet aus. „Ich liebe mein Vaterland“, erklärte Angela Merkel; nachdem sie den Antisemiten Hohmann aus ihrem Verein hatte ausschließen müssen, fürchtete sie, viele andere könnten ihm folgen, und zeigte deshalb die deutschnationalen Bremsstreifen vor. Das Bekenntnis zur Nation ist die reine Selbstbezichtigung: Wer sonst gar nichts hat, der hat doch ein Vaterland. Patriotismus ist die Religion der ganz armen Schweine; auch Guido Westerwelle ließ den anschwellenden Schmocksgesang schon hören.

Sumpf ist Trumpf: „Das Deutschland der Jetztzeit ist das beste Deutschland aller Zeiten“, rief der Klatschredakteur einer überregionalen Tageszeitung; er rief also das BeDaZ aus, wie der GröFaZ es genannt hätte. Ein nationaler Vollrausch hatte den Mann ergriffen: „Die Linke lässt sich durch die Union den Diskurs abnehmen: dabei hätte sie allen Grund, das heutige Deutschland zu lieben – sie hat es zivilisiert.“ Nationalismus als Lohn der Zivilisation – es ist der blanke Hohn. Ein deutscher Nationalismus ist ohne antizivilisatorische und antisemitische Affekte nicht zu haben. Das hat mit den Nazis gar nichts zu tun – diese Tradition ist viel älter. Der deutsche Nationalismus ist von Anbeginn, seit Anfang des 19. Jahrhunderts, ausdrücklich antifranzösisch, antimodern und ebenso explizit judenfeindlich.

Je weniger einer weiß in Deutschland, desto lauter besteht er darauf, dass er genau das sagen dürfen muss – das ist das Recht aufs Vaterland. Ich ziehe die Muttersprache vor.