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Weiße Flecken auf der Karte: Die Flut der Fernsehbilder spiegelt nicht das Ausmaß der realen Flut

Die Fernsehbilder der Flutkatastrophe im Indischen Ozean haben die verheerenden Zerstörungen, den tausendfachen Tod und das Leid umgehend sichtbar gemacht. Bilder sind wichtige Dokumente einer Katastrophe, die so denen leichter ins Bewusstsein dringt, die weit entfernt leben. Bilder können Hilfe mobilisieren, Menschen zur Vorsicht mahnen und Politiker beeinflussen, Maßnahmen zu ergreifen.

Doch sie bergen auch die Gefahr eines „CNN-Effekts“ – dass wir nur noch jene Katastrophen wahrnehmen, von denen es auch Fernsehbilder gibt. Auch die Bilder der aktuellen Flutkatastrophe kommen fast nur aus solchen Regionen, die für Kamerateams überhaupt zugänglich sind und wo viele westliche Touristen zu Opfern wurden. Diese sind aber vielleicht gar nicht am schwersten betroffen. Das liegt auch daran, dass viele Bilder von Touristen stammen, zu deren Grundausstattung heute eben Video- und Digitalkameras gehören. Zum anderen konzentrieren sich viele Medien in ihrer Bildberichterstattung auf das Leid verhältnismäßig weniger Touristen und vergessen dabei zehntausende einheimische Opfer.

Doch es liegt nicht nur an den westlichen Medien, dass von den thailändischen Badeorten viel ausführlicher berichtet wird als etwa aus dem indonesischen Aceh, das in unmittelbarer Nähe des Epizentrums liegt: Auch manche Regierungen versuchen, die Berichterstattung zu steuern. In Sumatra etwa soll es laut Indonesiens Vizepräsident bis zu 25.000 Tote gegeben haben. Ein Großteil der betroffenen Region ist aber Kriegsgebiet, und weil ausländische Medien in der Vergangenheit von dort nicht das berichteten, was der Regierung gefällt, ließ diese Aceh bisher für ausländische Journalisten sperren. Da sich auch in Indonesien die Berichterstattung traditionell auf Java konzentriert, werden uns die vielen Opfer in Aceh erst mit Verspätung bewusst.

Es dringt aber auch erst langsam ins Bewusstsein, dass es auf den indischen Andamanen und Nikobaren sowie in Somalia Opfer gab. Die Menschen dort haben das Pech, so weit vom Zugang der Medien entfernt oder abgeschnitten zu sein, dass sie kaum wahrgenommen werden. Für Somalia hat das eine besondere Ironie, schließlich begann 1992 die US-geführte Intervention dort zur amerikanischen Hauptsendezeit. Damals standen die CNN-Kameras schon am Strand, als die US-Landungsboote eintrafen. Jetzt dagegen gibt es von denselben Stränden, die auch von der Flutwelle betroffen sind, überhaupt keine Bilder. SVEN HANSEN