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Willemsens Roman

Aufrichtigkeit, lehren Soziologen, ist nicht mitteilbar. Je mehr der eine etwas beteuert, desto eher wird der andere es bezweifeln. Das gilt gerade dann, wenn es um Gefühle geht. Wohl deshalb möchte Valerie, Roger Willemsens liebeskranke Icherzählerin, ihrem Rashid die Liebe erklären, „wie man den Krieg erklärt“. Bemerkenswert freilich ist die Kommunikationssituation in dem waghalsig anmutenden Romandebüt des Moderators, Interviewers, Publizisten und Germanisten. Ob Rashid je etwas von dem, was ihm Valerie eine Nacht lang auf Kassetten spricht, bewusst vernehmen wird, ist ungewiss, denn er liegt seit sechs Monaten im Koma. Der einzige Zweck ihres Monologes besteht darin, ihn ins Leben zurückzurufen. Während die Kunsthändlerin in Tokio ihre Wohnung auflöst, soll man dem in einem Wiener Krankenhaus liegenden Rashid das Band unentwegt vorspielen. Eine Leben retten wollende Verführung aus der Konserve also.

„Ich rede, um dich anzustecken“, sagt Valerie einmal, und das dürfte auch die Intention des Autors sein: den im alltäglichen Gefühlskoma darniederliegenden Leser anzustecken mit der Begeisterung für das Erlebnis emotionaler Entgrenzung. Willemsens Protagonistin durfte die Liebe als identitätsstiftende Erweckung erfahren mit allem, was dazugehört: vom Zeichensehen bis zur Vergötterung des Geliebten. Kitsch und Schwulst bewusst in Kauf nehmend lässt Willemsen seine Valerie das Hohelied der Liebe singen: ein einsamer Tanz im Angesicht des Todes, eine von Verzweiflung gespeiste Rede. Valerie schmeichelt, bohrt auch in Wunden und thematisiert Tabus, und sie liefert sich Rashid mit immer intimeren Geständnissen aus, getrieben von der Angst, dass sich der Gefühlssturm erschöpft, ehe sie ihr Ziel erreichen kann. Wobei es zur geheimen Paradoxie des Romans gehört, dass sie Rashid wohl nie näher kommen wird als während ihrer Rede: weil sich die Liebe wie der Hunger vom Mangel ernährt, von der Abwesenheit des anderen. „Glaubst du, die Ferne ist unser Element? Glaubst du, aus der Nähe können wir uns nicht richtig fühlen? Ach, dann erleben wir ja gerade die Vollendung der Liebe“, lässt Willemsen Valerie verkünden, unter Anspielung auf ein anderes, ganz auf die emotionale Infektion des Lesers zielendes Werk, Musils „Vereinigungen“.

Wichtiger als die Frage, ob Valeries Rede Rashid zu erwecken vermag, ehe genervte Krankenschwestern das Band abstellen, ist daher, wie infektiös Willemsens Roman ist. Leider muss man sagen: weniger, als er sein könnte. Aus mehreren Gründen. Bedenklich stimmt bereits die verzopfte Art, wie dieses trotzige Plädoyer für die „romantische“ Liebe die Geschlechter konstruiert: der Verstand dem Manne, die Seele der Frau. Die Idee, einen Menschen „so mit Gefühlen zu bestrahlen, dass er leben muss“, ist sympathisch. Aber Valeries pathetische Suada erweckt nicht, sie erstickt. Dass in ihr die alltägliche Welt kaum eine Rolle spielt, ist wenig überraschend, Liebende kreisen halt um sich selbst. Die Konsequenzen bleiben dennoch fatal, die Figuren blutleer, es wird unentwegt beschworen und behauptet, aber kaum etwas gezeigt: Da sind Überdrussreaktionen beim Leser vorprogrammiert.

Valeries stilisierte Kunstsprache produziert einige schöne, zitierfähige Sätze – aber gewiss keine glaubwürdige Fiktion. Ebenso artifiziell erscheint, wie Willemsen modellhaft die Facetten eines Liebeswahns durchdekliniert. Man merkt, dass sie mitunter nur als Aufhänger dienen, um fast essayistisch über einen weiteren Aspekt der Liebe zu reflektieren: weniger Literatur also, mehr Literatursimulation.

Wenn es dem Roman doch noch gelingt, den Leser zu treffen, so aufgrund seines irritierenden Endes. Denn Valerie wird nicht Rashid wiedergewinnen, sondern sich selbst. Oder sollte auch das nur eine letzte Provokation im Dienst der Liebe sein?

OLIVER PFOHLMANN

Roger Willemsen: „Kleine Lichter“. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2005, 205 Seiten, 17,90 Euro