DER NEUE STREIT UM DIE RECHTSCHREIBUNG MACHT DAS CHAOS NUR PERFEKT

Die Rechtschreibung ist abgeschafft

Der Schritt der drei Unionsländer Bayern, Nordrheinwestfalen und Niedersachsen scheint zunächst plausibel. Wenn die Rechtschreibreform ohnehin noch einmal abgeändert werden soll, warum dann die Eile, sie schon am 1. August für verbindlich zu erklären? Ganz einfach: Weil die Regeln schon seit 1998 an Deutschlands Schulen gelehrt werden. Anders als die Reformgegner glauben machen, droht mit dem kommenden Schuljahr keineswegs eine Revolution. Es wird nur festgeschrieben, woran die Schüler längst gewohnt sind. Auch wenn es manche älteren Herren nicht glauben wollen, die sich an die neue Schreibweise nicht mehr gewöhnen mögen oder im Reformstopp schlicht ein probates Wahlkampfinstrument erblicken.

Nun werfen sich die Konfliktparteien gegenseitig vor, das Chaos bei der Rechtschreibreform noch zu vergrößern. Das ist absurd, denn größer als bisher kann das Chaos gar nicht mehr werden. Mit der Reform wurde de facto nicht eine neue Schreibweise eingeführt, es wurde vielmehr die verbindliche Rechtschreibung generell abgeschafft. Ohne den öffentlichen Aufruhr hätten sich die neuen Regeln, wie es in den Niederlanden mit einer radikalen Reform einst gelangt, vielleicht im Lauf von Jahren oder Jahrzehnten durchgesetzt. Jetzt aber fühlen sich die Reformverweigerer von maßgeblichen Teilen der Politik unterstützt. Mit der Folge, dass jeder nach eigenem Gusto schreibt. Längst gibt es nicht nur alte und neue Schreibweise, sondern auch alle erdenklichen Zwischenstufen – das gilt auch in den Medien.

Im Zeitalter des Internets mag es höchst misslich sein, wenn man bei Google stets verschiedene Schreibweisen durchprobieren muss. Aber damit kann man leben. In ganz vielen Bereichen, vom Föderalismus bis zum Steuerrecht, ist Deutschland längst das chaotischste Land Europas. Vielleicht ist es das schon immer gewesen, und die bisweilen überbordende Ordnungswut der Deutschen diente bloß dazu, die als beunruhigend empfundene Vielgestaltigkeit zu bändigen. Zumindest bei der Rechtschreibung ist dieser Versuch endgültig gescheitert. RALPH BOLLMANN