Islam, Karikaturen etc.

In die Falle gegangen

Verwundert möchte man diejenigen, die sich über die „Blasphemie“ der Mohammed-Karikaturen aufregen, einiges fragen: Meint ihr im Ernst, dass es Mohammed im Mindesten stört, wie manche ihn zeichnen? Dass so etwas an der Größe Gottes kratzt?

Gut zu verstehen ist hingegen, dass hinter der religiösen Empfindlichkeit eine richtige politische Ahnung steckt. Die Karikaturen sind ja nicht zufällig im Jyllands-Posten versammelt, und der Zeit können wir die Vorgeschichte entnehmen: dass für ein Buchprojekt über das Leben Mohammeds Zeichner gesucht wurden. Dass sich keine Künstler fanden. „So viel Zaghaftigkeit rief Flemming Rose auf den Plan, den Kulturchef der größten dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten. Rose bat die namhaftesten Karikaturisten des Landes, den Propheten Mohammed zu zeichnen. Er habe in Erfahrung bringen wollen, sagt Rose, ‚wie weit die Selbstzensur in der dänischen Öffentlichkeit geht‘.“

Obwohl von dem Zeit-Autor Jörg Lau wohlwollend eingebettet, enthüllt das Zitat, dass Rose die Provokation suchte. Es ging nicht um eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Figur Mohammeds, die dann das religiöse Empfinden anderer verletzte (wie im Fall Rushdie). Die Karikaturen wurden umgekehrt in dem Wissen bestellt, dass sich hier ein verletzlicher Punkt befindet – und dass man sich jederzeit hinter „Meinungsfreiheit“ würde verstecken können.

Nun ist es Sinn der Sache, dass die Meinungsfreiheit in einer demokratischen Öffentlichkeit einen Schutzraum bereitstellt, in der verletzende oder gar undemokratische Meinungen geäußert und erprobt werden können. Hier wurde der Schutzraum Meinungsfreiheit instrumentalisiert, um einen gesellschaftlichen Konflikt zu schüren. Nicht etwa zwischen Muslimen in Kairo und Christen in Kopenhagen, sondern zwischen Bevölkerungsgruppen in Dänemark: Rechte hier, Migranten dort, noch Unentschlossene in der Mitte. Sogar dass es in der Sache um Religion gehe, ist ein Darstellungstrick der Provokateure – auf den die Muslime hereinfallen, die sich nicht wegen eines Aufschwungs der europäischen Rechten sorgen, sondern über „Blasphemie“ beklagen. HILAL SEZGIN