MARTIN UNFRIED ÜBER ÖkosexHEUTE EINE HOLLÄNDISCHE SPEZIALAUSGABE, WEIL BEI UNS IN NL ALLES DRUNTER UND DRÜBER GEHT

Belangreiches vom Popolisten

Meine Lieblingssprache, das Niederländische, ist toll, da kann sich das Deutsche noch eine Scheibe Gouda abschneiden. Warum gibt es beispielsweise im Deutschen zwar das Wort belanglos, aber das Wort „belangreich“ nicht? Belangreich darf ich laut deutscher Sprachpuristen anscheinend gar nicht verwenden. Im Niederländischen ist „belangrijk“ mein absolutes Lieblingswort.

Oft gebrauche ich es in Verbindung mit dem Wort „Spouwmuurisolatie“. Das heißt Zwischenwanddämmung und ist der Schlüssel zum Klimaschutz im niederländischen Altbau. Im niederländischen Reihenhaus kann ich übrigens auf dem Klo sitzend aus dem Waschbecken trinken. So kompakt gebaut ist das! Für meines habe ich seit gestern ein Energielabel, wie Sie es vom Kühlschrank her kennen. „Halt dich fest, es ist ein B!“, frohlockte mein Energiecoach ganz aufgeregt am Telefon. Viele wissen nicht, wie wichtig ein B im Leben eines Mannes sein kann. Ein B bei einem Haus von 1958, das ist der Hammer. Das geht nur mit Spouwmuurisolatie. Meine Nachbarn, die bedauernswerten, haben nämlich ein G oder so, weil sie andere Investitionen belangreicher fanden.

Heute geht es bei Ökosex also um Unwichtiges. Unwichtiges als Feind der solaren Effizienzrevolution und des gepflegten Ökosexes. Eben weil es im Moment drunter und drüber geht bei uns in NL, weiß niemand mehr, was Sache ist. Regierung auseinandergebrochen, die Rechten gewinnen bei den Gemeinderatswahlen, wichtige Politiker ziehen sich ins Privatleben zurück, und am schimmsten: die Fotovoltaik wird an die Wand gefahren.

Ja, Letzteres stand nicht in der deutschen Zeitung, ist aber fürchterlich. Es gab im April wieder einen Topf, eine gedeckelte Einspeisevergütung, und nach zwei Tagen war schon wieder kein Geld mehr da. Wer heimische PV-Betriebe kaputt machen möchte, der ist so auf dem richtigen Weg. Zum Vergleich: Deutschland wird zwar ab Juni die Solarvergütung heftig kürzen, aber auch in Zukunft die segensreiche PV-Massenproduktion anschieben. Zum globalen Wohle! Da bin ich stolz, ein gelernter Schwabe zu sein. Und echte Klimaignoranten gibt es bei euch drüben in D auch nicht. Ganz anders bei uns in NL.

Wen interessieren Fakten gar nicht, sondern wer meint, die Welt der begründeten Stellungnahme und des ausgewogenen Arguments könne ihn mal am Arsch lecken? Na? Das ist der Popolist. Und ein solcher heißt Geert Wilders, steht bei uns ante portas und möchte Ministerpräsident werden. Kann passieren, sagen die Peilingen (auch viel schöner als Meinungsumfragen). Also rechnen wir Ausländer hier in NL jetzt mit dem Worst-Kaas-Szenario und scherzen über Kofferpacken und so. Exil ist aber für mich keine Perspektive, jetzt wo mein Reihenhaus ein B-Label hat.

Viele denken, bei unserem blonden Popolisten seien die Antiislamsprüche das Schlimmste. Okay, die sind übel. Und er hat es geschafft, dies zum Megathema aufzublasen. Kaum thematisiert in der Presse sind seine anderen interessanten Auffassungen: Geert Wilders findet Klimaschutz Schwachsinn. Freie Emissionen für freie Bürger und so. Noch schlimmer: Meine Heimat, meine geliebte Europäische Union, möchte Wilders abschaffen. Mit diesem Mix kommt er bei mir solarem Emotionaleuropäer an den Richtigen. Ich werde kämpfen! Wenn gar nix hilft, beantrage ich den niederländischen Pass. Jede Stimme wird belangreich sein. MARTIN UNFRIED

Hinweis:Ökosex Fragen zu Wilders? kolumne@taz.de DIENSTAG: Natalie Tenberg KONVERSATION