EXPORTSCHLAGER KICKERBEIN VERDRÄNGT RINDERHÜFTE

Billigware aus Übersee

über Ball und die Welt

MARTIN KRAUSS

Ökonomisch betrachtet ist es unwahrscheinlicher, einen Kaffee aus Ecuador zu trinken, als einen Fußballspieler aus diesem lateinamerikanischen Land, sagen wir: zu konsumieren. Nicht dass die Kicker auf unserem Frühstückstisch landeten, aber zum durchschnittlichen Konsum eines Westeuropäers gehören eben nicht nur Kaffee und Kleidung, sondern auch Kino und Kicken. Was zur Ware taugt, wird auch eine. Also alles.

Das gilt auch für Guatemala: Von dort gehen, ausgedrückt in US-Dollar, mehr Fußballprofis in den Export als Steaks. Diese Wahrheiten des Weltmarkts hat jüngst das amerikanische Onlinemagazin Quartz vorgerechnet: „In den ersten sechs Monaten des Jahres 2013 haben die elf Top-Exportländer von Fußballspielern etwa 5.000 Profis in einem Wert von 1,1 Milliarden US-Dollar veräußert.“

Lateinamerika verdient mehr Geld durch den Export von Fußballern als durch den von Fleisch: Kickerbeine statt Rinderhüften. In Perus Exportbilanz etwa ist das Koka weniger wert als der Fußball, in Uruguay weniger als der Fisch. Auch die großen Fußballnationen des Kontinents sind auf die Ausfuhr von Sportlern angewiesen: „Der Export argentinischer Fußballer beläuft sich auf mehr als ein Viertel des Fleischexports des Jahres 2011; Brasilien mehr als durch Waffenexport.“ Aus diesen zwei Ländern gingen zuletzt mehr als 3.000 Fußballprofis ins Ausland, überwiegend nach Europa, ein Erlös von über 400 Millionen US-Dollar.

Der Fußball ist keine Quantité négligeable im kapitalistischen Weltmarkt. „Die armen Länder, vor allem die lateinamerikanischen Länder, exportieren Arbeitskräfte, darunter auch diejenigen, die mit ihren Beinen und Füßen ihr Brot verdienen. Sie exportieren Ballarbeiter“, sagte der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano schon vor sechs Jahren im Gespräch mit dem deutschen Fachblatt Lateinamerika Nachrichten.

„Die Politik und Auflagen von Weltbank und Internationalem Währungsfond haben diese Exporte entscheidend gefördert – vor allem den Export menschlicher Ware.“ Es ist ja nicht nur so, wie es gerne gesagt wird, dass der Fußball die schlimmen Verhältnisse spiegelt – nein, er ist Teil davon, es sind auch die großen Profiligen wie Primera División, Serie A, Premier League und, nicht zu vergessen, Bundesliga, die von der kapitalistisch organisierten internationalen Arbeitsteilung profitieren, sondern sie immer wieder selbst schaffen.

Das ist kein neues Phänomen. Als 1988 der damals 22-jährige Romário bei den Olympischen Spielen auffiel, kaufte ihn der PSV Eindhoven, damals Europapokalsieger der Landesmeister. Die Ablösesumme für den Stürmer wurde mit dem brasilianischen Schuldendienst bei niederländischen Banken verrechnet. 174 Tore und drei Meistertitel in fünf Jahren, dazu noch ein lukrativer Weiterverkauf an den FC Barcelona – Romário hat sich gerechnet.

Was Quartz jetzt in seiner enormen ökonomischen Bedeutung für Lateinamerika vorgerechnet hat, gilt auch für andere Regionen der Welt, etwa für das früher Zweite Welt genannte Osteuropa – Hauptsache, die großen europäischen Ligen machen ihren Profit. Als 1990 während des Zusammenbruchs des „sozialistischen Lagers“ der rumänische Weltklassefußballer Ioan Lupescu zu Bayer Leverkusen kam, kostete er den Bundesligisten die schon damals für einen solchen Transfer sehr niedrige Summe von 900.000 Mark. Dazu musste der Stammkonzern des Clubs, der Pharmakonzern Bayer, noch Medikamente im Wert von 400.000 Mark nach Rumänien schicken. Was aber „Wert“ genannt wurde, war der Marktpreis – für den Konzern betrugen die Herstellungskosten weniger als ein Viertel. Man kann auch sagen: Lupescu kam für ein paar Lkw-Ladungen Aspirin in die Bundesliga.

Ohne Weltmarkt gäbe es keine Weltmeisterschaft. Auch die nächste, 2014 in Brasilien, nicht. Vielleicht ist es da hilfreich, sich einmal die Bedeutung des Fußballs klarzumachen: So wertvoll wie ein kleines Steak.