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Erster überzeugender Wettbewerbsbeitrag: Pedro Almodóvars Film „Volver“

Cristina Nord ist an der Croisette: Almodóvar sagt, sein Film sei eine Reise zu den Landschaften seiner Kindheit – und zu seiner Mutter

„Volver“ bedeutet im Spanischen zwei Dinge: Als Verb benutzt, heißt es „zurückkehren“, als Hilfsverb in Kombination mit einem zweiten Verb verwendet, heißt es „etwas wieder tun“. Pedro Almodóvars neuer Film „Volver“, der erste überzeugende Beitrag zum diesjährigen Wettbewerb, nutzt beide Bedeutungsebenen. Die Figuren kehren zurück – zum Beispiel aus Madrid in das Dorf in La Mancha, in dem sie zur Welt gekommen sind, oder aus dem Reich der Toten in das der Lebenden. Zugleich arbeitet der Film mit Wiederholungen. „Volver“ doppelt die Geschichte der Protagonistin Raimunda (Penélope Cruz) in der ihrer Tochter Paula (Yohana Cobo), und auch die Geschichte der Großmutter Irene (Carmen Maura) findet ein Echo in den Handlungen Raimundas. In einer Szene – es ist das für Almodóvars Oeuvre so charakteristische musikalische Intermezzo, das das Fortschreiten des Filmes kurz aufhebt – singt Raimunda eine Flamenco-Version des Tangos „Volver“. „Veinte años no es nada“, 20 Jahre sind nichts: eine Vorstellung, die den linearen, gefräßigen Verlauf der Zeit ignoriert.

Nicht nur die Figuren, auch der Regisseur kehrt zurück. Auf der Pressekonferenz zu „Volver“ sagt er, der Film sei eine Reise zu seinen Wurzeln, zu den Landschaften seiner Kindheit – und zu seiner Mutter. Als er das Drehbuch schrieb, legte er den Figuren Sätze seiner Mutter in den Mund. „Das Gefühl, dass meine tote Mutter gegenwärtig ist“, sagt Almodóvar, „war niemals so real wie nach dem Drehen des Filmes.“ Darüber hinaus kehrt der Regisseur zu den frühen Schichten seines Werkes zurück: zu der Darstellerin Carmen Maura, zum Frauenensemblefilm, zu Arbeiten wie „Womit hab ich das verdient?“ (1984/85) und „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1987).

Und damit schließlich kehrt das Moment der Groteske zurück, ohne dass die tragische Dimension von „Volver“ in den Hintergrund rückte. Beides – das Groteske, das Tragische – verknüpft Almodóvar virtuos. Und er schließt die Familiengeschichte der Figuren mit seiner Filmgeschichte kurz: War es in „Womit hab ich das verdient?“ Carmen Maura, die die Frau aus kleinen Verhältnissen spielte, so hat jetzt Penélope Cruz den Part übernommen, und Maura ist Cruz‘ Mutter. Als hätten sie sich abgesprochen, trägt Cruz bei der Pressekonferenz ein weißes Kleid mit schwarzem Muster, Maura ein schwarzes Kleid mit weißem Muster – wie ein Fotonegativ, von dem Cruz’ Bild abgezogen wurde.

Wie aber geht es zusammen, dass 20 Jahre nichts bedeuten, wenn man graue Haare und Falten bekommt? Wie geht es zusammen, dass die Zeit in Kreisen verläuft, wenn der Tod eine Zäsur setzt? Almodóvar lässt seinen Film auf einem Friedhof beginnen; die Kamera fährt in einer langen Einstellung an Kreuzen und Grabsteinen vorbei; Frauen in Kittelschürzen säubern und schmücken die Gräber.

Der Titelschriftzug wird auf einer Grabplatte platziert: „Volver“ steht blutrot auf hellem Marmor, und das macht deutlich, dass der Film eine jener Fiktionen ist, die nicht ganz von dieser Welt sind. Weil der Tod bei Almodóvar kein endgültiger Einschnitt ist, kann Irene als Geist in den Film treten. Später erfährt man, dass sie nicht wirklich ein Geist ist, doch spielt diese nachträgliche Rationalisierung des Fantastischen keine große Rolle, da Irene die Aufgabe eines Geistes zufällt: Sie muss eine zu Lebzeiten unerledigte Sache an ihr Ende bringen. Carmen Maura bewahrt die Geisterhaftigkeit ihrer Figur bis zur letzten Szene, in der sie einen Flur hinabgeht, bis sie sich im grauen, diffusen Licht aufzulösen scheint. Almodóvar wollte, wie er sagt, „einen alltäglichen Geist“, ein Gespenst, das sich „unter dem Bett versteckt und furzt“. Das hat er bekommen – und wenn in „Volver“ rationale Erklärung und Geisterglauben friedlich koexistieren, dann ist das nicht minder berückend als das matrilineare Familiengeflecht der Figuren und die kunstvolle Erzählstruktur des Filmes.

Einer freilich hat in diesem Film nichts zu suchen: der heterosexuelle Mann. Für dessen Krise interessiert sich Almodóvar keine zwei Sekunden. In einer frühen Sequenz sitzt Raimundas Ehemann vorm Fernseher und trinkt Bier; seine Frau macht den Abwasch. Ein Close-up auf ein großes Küchenmesser in der Spüle lässt keinen Zweifel: Bald wird dieser Ehemann aus dem Film verschwinden. CRISTINA NORD