ANNE HAEMING DER WOCHENENDKRIMI

Heute mit Brausepulver

Spricht der Milchbubi zur ergrauten Kommissarin: „Ey, du sagst mir gar nichts, du kleine Fotze!“, und rotzt ihr gepflegt ins Gesicht. Und dann macht die Bremer Ermittlerin Inga Lürsen (Sabine Postel) etwas, das ihr vor allem bei jenen Zuschauern Respekt verschafft, die die „Tatort“-Kommissarin schon lange als lasch abgebucht haben. Sie donnert mit Wucht die dicke Glastür auf seine Hand im Türrahmen und knallt ihn dann frontal auf die Scheibe. Wortlos. Na holla.

Der Rotzer gehört zu einer Familienbande aus dem arabischen Raum, die das Hauptquartier ihrer organisierten Kriminalität nach Bremen verlegt hat. Einem der „Brüder“, wie die neue Folge (Buch: Wilfried Huismann, Dagmar Gabler) denn auch heißt, wird gerade der Prozess gemacht, seine ganze Possy sitzt johlend im Zuschauerraum. Blöd nur, dass sich ein Mord und ein nächtlicher Überfall auf zwei Streifenbeamte mit dem Prozess in Verbindung bringen lassen. Noch blöder: Die eine Polizistin liegt halb tot in der Klinik und ihr Kollege kennt die Kriminellen von früher. Lürsen und ihr vornamenloser Partner Stedefreund (Oliver Mommsen) tun das, was in „Tatorten“ meist zu kurz kommt: Sie konzentrieren sich auf den Fall.

Wer hätte das noch vor kurzem gedacht: Der verlässlich moralinsaure Bremer „Tatort“ ist tot. Die Zeiten, in denen Lürsen zum dramatischen nächtlichen Showdown auf Schrottplätzen Parolen übers Leben durchs Megafon an den Täter ranbrüllt, sind so was von vorbei. Ja, ja, man kann die Bremer Folgen mittlerweile ganz gut anschauen. Was vielleicht daran liegt, dass die drei jüngsten vom einst Oscar-nominierten Regisseur Florian Baxmeyer inszeniert wurden. Oder an Mommsen, der Postel immer mehr die Show stiehlt. In diesem Fall liegt es definitiv auch an dem Mut zu schönen Details. An so was wie dem Himbeerbrausepulver, das sich zwei in den Mund kippen. Und grinsend schäumen.

Bremen-„Tatort: Brüder“; So., 20.15 Uhr, ARD