Moral und Hypermoral – Arnold Gehlen und die European Jews for a Just Peace

Ein Motiv, das man nur ablehnen kann

Gott und die Welt

Micha Brumlik

Theodor W. Adorno diskutierte gerne mit ihm. Im Jahr 1969 publizierte der konservativ bis reaktionäre Philosoph Arnold Gehlen ein schmales Bändchen gegen die Neue Linke, in dem er nicht zuletzt die Intellektuellen als „Mundwerksburschen“ verhöhnte.

Der unter dem Titel „Moral und Hypermoral“ erschienene Essay identifiziert in anthropologischer Perspektive vier unterschiedliche Wurzeln der Moral: ein Ethos der Gegenseitigkeit, instinktiv gesteuerte Regungen wie Mitleid und Wohlbefinden, das Verbandsethos von Familien oder umgreifenden Gemeinschaften sowie ein Ethos der Institutionen. Dass Gehlen das humanitäre, das universalistische Ethos der Neuen Linken besonders zuwider war, muss nicht eigens betont werden – die Pointe seiner Argumentation läuft darauf hinaus, universalistische Moral letzten Endes als blinde Gesinnungsethik und – mehr noch – als individualistischen Selbstgenuss zu denunzieren.

Die Organisation EJJP (European Jews for a Just Peace) gibt Anlass, die Stimmigkeit von Gehlens These zu überprüfen. Diese europäische Organisation, die auch einen rührigen deutschen Ableger hat, warb bis vor Kurzem intensiv Gelder ein, um ein speziell im jüdischen Namen fahrendes Schiff auszurüsten, das die israelische Blockade des Gazastreifens durchbrechen soll. Da eine unmittelbare humanitäre Not, die es geboten hätte, Nahrungsmittel nach Gaza zu bringen, nicht besteht, fragt man sich, was die Gruppe zu dieser Aktion treibt.

Verschiedene Motive sind denkbar. Zunächst könnte es sein, dass sich die Gruppe von einer säkularisierten Variante jüdischer Moral bewegen lässt: „Kol Jissrael arevim seh la seh“ – so die hebräische Form einer rabbinischen Weisheit, zu deutsch: Ganz Israel (d. i. alle Juden) ist füreinander verantwortlich. In diesem Fall demonstriert die Gruppe, dass sie das Judentum für eine universalistische Moralgemeinschaft hält.

Ein anderes Motiv könnte darin bestehen, dass mit der Aktion der israelischen Regierung bedeutet werden soll, dass Juden in der Diaspora die Belange des israelischen Staates und seiner Bevölkerung besser wahrnehmen, als das die gewählten israelischen Regierungen vermögen. In diesem Fall erweisen sich die meist zionismuskritischen Mitglieder der EJJS paradoxerweise nicht nur als Hypermoralisten, sondern als Hyperzionisten. Tun sie doch nichts anderes als das, was zionistische Organisationen seit Jahrzehnten fordern: dass sich die Diaspora die Belange des israelischen Staates ganz und gar zu eigen macht.

Schließlich darf noch ein drittes Motiv vermutet werden: die EJJP wollen sich, der Welt, der israelischen Regierung, Arabern sowie Palästinensern beweisen, dass sie die besseren Juden sind. Das wäre ein Motiv, das man nur ablehnen kann, da zwar der Eifer um das Erreichen des Guten durchaus anerkennenswert ist, der Wille jedoch, andere als schlechter auszustechen, durchaus verwerflich, weil eitel.

Bei alledem kommt eine Komplikation hinzu: Soweit man das beurteilen kann, ist Hamas laut ihrer Charta unter den ohnehin nicht sehr gemütlichen radikalislamistischen Parteien die mit Abstand antisemitischste. Nicht nur will sie selbstverständlich den Staat Israel abschaffen. Nein, sie schreibt in ihrem Parteiprogramm auch noch seitenweise aus den „Protokollen der Weisen von Zion“ ab und besteht darauf, dass die Juden schon hinter der Französischen Revolution steckten. Gewiss, nicht alle Wähler der Hamas werden hinter diesem Programm stehen. Von den gewählten Führern der Partei wird man das indes annehmen dürfen. Umso auffälliger ist, dass sich Mitglieder der deutschen Sektion von EJJP damit brüsten, in Gaza von Hamasfunktionären begrüßt und verabschiedet worden zu sein. Spätestens hier bricht das rabbinische Motiv zusammen: So sehr ganz Israel für sich verantwortlich ist, so sehr kann ausgeschlossen werden, dass die Kooperation mit eliminatorischen Antisemiten ein Beitrag zur jüdischen Moral ist.

Als Nebenprodukt dieser Überlegungen darf dann auch Gehlens These als bestätigt gelten: Indem sich viele, gewiss nicht alle, Mitglieder von EJJP den Luxus leisten, den eliminatorischen Antisemiten hoffähig zu reden, verschaffen sie sich das wohlige Gefühl, im Recht zu sein. Indes: Anders als Gehlen meinte, lassen sie es sich durchaus etwas kosten. Viel Geld schon wurde gesammelt, um ein jüdisches Schiff auf Spuren des ersten türkischen Blockadebrechers nach Gaza zu schicken.

Für die politische Theorie und Sozialpsychologie des pluralistischen Judentums geht es dabei um ein interessantes Phänomen: den Showdown zwischen israelischem Militär und einem Schiff voller Diasporajuden. Israelis mit Beißhemmung, ziviler diasporischer Widerstand? Politik gegen Hypermoral?

■ Micha Brumlik ist Publizist und Professor an der Universität in Frankfurt am Main