MARTIN UNFRIED über ÖKOSEX

Lieber Herr Wickert, wir brauchen Sie

Im Dienste einer geruhsamen Nacht: Warum nur der Ex-„Tagesthemen“-Moderator den Planeten retten kann

Erstesahnepromis werben ungeniert für Atomstromkonzerne. Franz Beckenbauer tut es beispielsweise für Yello Strom, eine Tochter der EnBW. Auch prominente Politiker engagieren sich leidenschaftlich für Kohleverbrennung. Manche nehmen sogar erst nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt Geld dafür. Sogar komplette Fußballmannschaften kicken für das Wohlergehen des nuklear-fossilen Komplexes. Borussia Dortmund war früher Eon, heute ist man Sympathieträger der Ruhrkohle AG.

Dagegen gibt es meines Wissens keinen einzigen Erstesahnepromi oder Champions-League-Klub, der offen gegen Atom- und Fossilstrom wirbt, der erhobenen Hauptes den sofortigen erneuerbaren Effizienz-Weg fordert. Das ist nicht fair.

Doch wer könnte die Idee der vollständigen Ablösung der fossilen und atomaren Energien erfolgreich promoten? Mir kam da neulich so gegen 22.15 Uhr eine Idee. Da hatte ich just ein heiteres ARD-Abschiedsporträt gesehen über Ulrich Wickert. „Tolles Saab-Cabrio“, dachte ich und „schickes französisches Landhaus“. Da sprach Wickert in seinen letzten „Tagesthemen“ zufällig zum Thema „teurer Strom“, und „gemeine Energiekonzerne“. Und da machte es klick. Natürlich! Ulrich Wickert kann den entscheidenden Beitrag leisten zur vollständigen Ablösung der fossil-atomaren Energiewirtschaft in Deutschland.

Hat dieser Käseliebhaber zu Hause überhaupt grünen Strom, werden Sie sich fragen? Es ist andersherum: Gerade dass der Mann kein grünes Image hat, macht ihn so wertvoll. Sicher ist ein rundum gebildeter und moralisch gefestigter Intellektueller seines Kalibers offen für gute Argumente. Oh, vielleicht liest er ja gerade diese Zeilen. Dann spreche ich ihn einfach direkt an.

Also, lieber Herr Wickert, das gesellschaftliche Projekt der hundertprozentigen Ablösung der fossilen und atomaren Energien durch erneuerbare Energien und Energieeffizienz braucht Sie. Dringend! Darum mein Vorschlag: Bringen Sie Ihrer LeserInnenschaft nicht nur die Liebe zum Käseland Frankreich bei. Retten Sie doch künftig einfach den Planeten vor der Klimakatastrophe. Schreiben Sie so nebenbei, dass wir weder die Kernenergie brauchen noch die Braunkohlelöcher und dass wir uns höflich, aber bestimmt von den großen Energiekonzernen verabschieden sollten.

Selbstverständlich verkünden das auch andere; Hermann Scheer, Franz Alt etc. Aber Sie, Herr Wickert, sind ein bekannter Bonvivant. Ein Allgemeinplatz wie: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als die Energiekonzerne freiwillig raus aus Kohle und Atom“ würde aus Ihrem Mund nicht nur glaubwürdig, sondern auch charmant klingen.

Vor allem vergrößern Sie die erreichbare Zielgruppe enorm. Wer hat schon Scheers sperriges „Die solare Weltwirtschaft“ wirklich gelesen? Herr Wickert, schreiben Sie eine Abhandlung mit dem augenzwinkernden Titel „Und Gott schuf die Effizienzrevolution!“. In diesem Werk berichten Sie mit vielen Apercus, wie Sie Ihren französischen Landsitz komplett energieautark machen, mitsamt eigener biogasbetriebenen Käserei.

Natürlich bekämen Sie diese kleine Rundumökologisierung Ihrer Lebensverhältnisse, Herr Wickert, als eine kleine Aufwandsentschädigung für Ihre Bemühungen. Mit Hilfe von Sponsoren müsste es möglich sein, Ökosex vom Feinsten zu finanzieren: unter anderem den Umbau Ihres Saab-Cabrios auf Biogas mit eigener Tankstelle. Da wird Freund Karasek staunen.

Apropos Freunde, Herr Wickert. Sie kennen ja viele hochrangige Medienschaffende wie Herrn Pleitgen, Frau Will und Herrn Aust. Wenn die erst mal im Biogas-Cabrio mitgefahren sind, dann bricht in Köln und Hamburg das Ökosexfieber aus! Besonders der Spiegel-Chef wird beim Anblick Ihrer Windkraftanlage feuchte Augen kriegen.

Und das Beste: Am Ende jeder ausverkauften Lesung von „Und Gott schuf die Effizienzrevolution!“ können Sie, lieber Herr Wickert, wie früher eine „geruhsame Nacht“ wünschen und dann mit Ihrem spitzbübischen Lächeln hinzufügen: der atomar-fossilen Energiewirtschaft.

Fragen an Wickert? kolumne@taz.de Montag: Susanne Lang trifft DIE ANDEREN