RALPH BOLLMANN Macht

Durchhalten bis Dienstag, 24 Uhr

Schon bald hat das Terrorwarten ein Ende. Bis dahin sorgen bewaffnete Polizisten am Flughafen zwar nicht für Sicherheit, aber für ein Sicherheitsgefühl. Darin sind sie dem Limes im alten Rom ganz ähnlich

Der Nachweis, dass ich keinen Terroranschlag plane, kostet mich am Essener Hauptbahnhof drei Euro. Ich muss nur die Rolltreppe hinunter, zum Ausgang Richtung Oper, dann gleich links zu den Gepäckschließfächern. Über mir höre ich einen Zug. Ist es der Intercity nach Hamburg oder München, die S-Bahn nach Dortmund oder Düsseldorf? Egal. Keiner fragt nach einer Bombe. Geld einwerfen, Schlüssel abziehen – schon habe ich meinen Koffer abgestellt. Hätte ich dasselbe oben auf dem Bahnsteig getan, gäbe es jetzt eine Menge Ärger. Tausende Passagiere müssten warten, bis Experten meinen dunkelblauen Rollkoffer vorsorglich gesprengt haben.

Ein paar Tage noch, dann muss ich mir solche Gedanken nicht mehr machen. „Ende November“, haben mir die regierungsamtlichen Sicherheitsbeauftragten gesagt, soll es in Deutschland einen Terroranschlag geben „Ende November“ ist am Dienstag um 24 Uhr vorbei. Wenn bis dahin nichts passiert ist, haben wir es geschafft.

Was jetzt auf den Bahnhöfen geschieht, erinnert mich stark ans Fliegen. Gürtel ab, Schuhe aus: Seit Jahren ertragen wir am Gate jede Demütigung. Gleichzeitig machen es die Frachtpostfirmen wie ich am Essener Bahnhof: Sie schieben ihre Gepäckstücke einfach unter die Kabine, ungeprüft. Solange die Passagiere nichts davon wussten, war es kein Problem.

Bei solchen Kontrollen geht es nicht so sehr um Sicherheit. Es geht um ein Sicherheitsgefühl. Die Politik zeigt, dass sie alles unter Kontrolle hat. Wie einst die Machthaber des römischen Weltreichs durch halb Germanien den Limes bauen ließen, um ihren Bürgern die Angst vor der Germanengefahr zu nehmen. Das verhinderte weder die friedliche Einwanderung noch gewaltsame Übergriffe, erst recht nicht die Konkurrenz durch minderwertige Billigprodukte. Aber es vermittelte den Leuten das Gefühl, dass Politiker und Generäle etwas tun. Wie die Sicherheitsleute, die jetzt mit Schlagstöcken in den Zügen patrouillieren, oder die Polizisten, die mit Gewehr in der Hand durch Flughafenlobbys streifen.

Etwas anderes sind die öffentlichen Warnungen. Was soll ich von einem Bundesinnenminister halten, der erst vor Anschlägen warnt und sich dann beschwert, Medien spekulierten zu viel über Anschläge? Von einem Berliner Innensenator, der Hinweise über arabisch aussehende Personen erbittet, als liege Terrorismus in den Genen. Und sich dann distanziert: Er wolle nicht zur Denunziation aufrufen.

Vielleicht, dachte ich, hatten die beiden doch das alte Rom vor Augen. Dort waren es nicht so sehr die Anschläge, die ein liberales Imperium ruinierten. Der Goteneinfall des 24. August 410 fiel mir zwar wieder ein, für die stadtrömische Bevölkerung ein Trauma wie heute der 11. September. Aber vor allem dachte ich an den Mord, den Germanenhasser zwei Jahre vorher am Heerführer Stilicho verübten, dem fähigsten Sicherheitsexperten, den Rom besaß und der bislang ranghöchsten Führungskraft mit Migrationshintergrund. Mir kam das Scheitern einer Politik in den Sinn, die Einwanderer einer harten Konkurrenz aussetzte, sie aber nicht wegen ihrer Herkunft benachteiligte. Ich fragte mich, warum wir es umgekehrt machen.

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich spätabends mein Schließfach wieder öffnete. Walhall war oben in der Oper längst untergegangen und Siegfried den Heldentod gestorben.

Niemand hatte den Koffer gesprengt.

Der Autor leitet das Parlamentsbüro der taz. Zurzeit arbeitet er als „Journalist in Residence“ am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln