agnoli, faschismus etc.

Dahinter steckt ein sturer Kopf

Denunziation hat Konjunktur. Der verstorbene FAZ-Herausgeber Joachim Fest und Cicero-Autor Jürgen Busche versuchten jüngst, Jürgen Habermas mit einer Mixtur aus Gerüchten und Ressentiments als Krypto-Nazi anzuschwärzen. Jetzt ist Johannes Agnoli dran – ein Vordenker der APO in den 60er-Jahren.

Die Vorgeschichte: Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung hielt in Italien einen Vortrag, in dem er die politische Entwicklung von 1968 bis 1973 in den beiden „verspäteten Nationen“ Italien und Deutschland verglich und die Rolle, die Agnoli darin spielte, nachzeichnete. Durch die Biografie von Barbara Görres Agnoli über ihren 2003 verstorbenen Mann ist bekannt, dass er ein Bewunderer Mussolinis und überzeugter Faschist war. Noch 1948 hoffte er, „dass der deutsche Wind wieder weht“ und „eine Ordnung, die neue, die helle, die aufrichtige“ wiederkehre. Rainer Blasius bläst diese seit drei Jahren bekannten Fakten zur Sensation auf (FAZ vom 12. 12.) und suggeriert einen bruchlosen Zusammenhang zwischen dem zwanzigjährigen Jungfaschisten und dem Autor des Buches über „Die Transformation der Demokratie“ (1967), das die APO und die Studentenbewegung beeinflusste.

Agnoli bezog sich 1968 explizit auf den „Giornale economico“ (1923) des für Mussolini wichtigen Soziologen und Ökonomen Vilfredo Pareto, als er feststellte, es könne „auch einen faschistisch funktionierenden Parlamentarismus“ geben. Dass in Agnolis These von der „Transformation“, d. h. der Entleerung der Demokratie, Motive und Argumente wiederkehren, deren sich die faschistische Parlamentarismuskritik bediente, ist nicht zu bestreiten. Aber dieser komplexe geistesgeschichtliche Zusammenhang ist etwas anderes als Blasius’ platte Unterstellung, die linke Parlamentarismuskritik „stamme in der Theorie größtenteils von einem ehemaligen italienischen Faschisten“, wodurch APO und Studentenbewegung im Handstreich zu einer Art Faschismus werden. Solche Kontinuitätslinien sind – politisch motivierte – Fiktionen. So kurzschlüssig und grob, wie sich Blasius die Geschichte zurechtlegt, dürfte Kraushaar seine theoriegeschichtlichen Analogien nicht gemeint haben.

Agnoli steigerte die angesichts der Großen Koalition legitime Parlamentarismuskritik zu einem rigiden Antiparlamentarismus, an dem er auch festhielt, als die außerparlamentarische Linke darin eine Sackgasse erkannte (so wie an der zeitweise beliebten These, die Koalition von 1966 und die Notstandsgesetze führten in einen neuen Faschismus). Agnoli wiederum wollte selbst dem 1926 vom katholischen Theologen Luigi Sturzo geprägten Begriff „Linksfaschismus“ etwas Positives abgewinnen, obwohl er damit nur Konfusion stiftete. Er konnte starrköpfig bis zur Sturheit sein. RUDOLF WALTHER