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Pulverisiertes Kategorienfeld

„Der lange Tod des Stuntman Cameron“ (USA 1980, Regie: Richard Rush), ab rund 18 Euro im Handel

Rumliegen zu Beginn: Ein Hund, der seine Genitalien leckt. Eine Ereigniskette führt dann seitwärts in den Film: Ein Apfel, der aus einem Hubschrauber auf ein Polizeiauto fällt. Zwei Arbeiter, die am Strommast arbeiten. Dann rennt, stürzt ein Mann vor der Polizei davon, wird die Handschellen los, erlebt den Sturz eines Oldtimers von der Brücke, landet auf einem Schlachtfeld im Ersten Weltkrieg: Leichenteile am Strand. Man braucht eine Weile, bis man kapiert: Das ist nicht der Film, den wir sehen, das sind Dreharbeiten zu einem anderen Film. Und damit ist die Geschichte da, wo sie hinwill.

Der feldherrenmäßig auftretende Mann, flamboyant, Herr des Geschehens, große Töne spuckend in ausgewählter Intonation, das ist der Regisseur: Eli Cross, er trägt das Kreuz der Regie. Es spielt ihn Peter O’Toole, wie so jemanden nur Peter O’Toole spielen kann. Und der junge, flüchtende Mann, der Cameron heißt (sprich: Camera On), kommt ihm sehr recht, weil der alte Stuntman vorhin beim Sturz des Oldtimers von der Brücke ertrank. Cameron (Steve Railsback) ersetzt Burt, Eli Cross gibt ihn als den alten, ertrunkenen Stuntman aus. Da kommt auch schon Nina, der weibliche Star (Barbara Hershey), unter Alterslatex zuerst, dann ein Kuss im Scheinwerferlicht, dann Sex mit Cameron-Burt, dann Schlamm-Happy-End.

Springen, fallen, fliegen. Pickelhaubenverfolgung im kalifornischen Hotel del Coronado. Eli schwebt heran im Kamerakran, der was von einem Sessellift hat. Konversation im Gehen und Schweben. Stuntübungen mit Abrollen. Liebesdiskurs unter herabstürzenden Farbeimern. Der Hubschrauber kreist, die Oldtimerflugzeuge geraten ins Film-im-Film-Gewehrfeuer. Man muss konstatieren, dass „Der lange Tod des Stuntman Cameron“ (im Original klar und einfach „The Stunt Man“) von Stillstand überhaupt sehr wenig hält. Irgendwas bewegt sich immer: die Kamera, die Figuren im Vordergrund, irgendwas weiter hinten im Bild oder auch nur ein Rauchkringel, der sekundenlang die Aufmerksamkeit fesselt. Oft einfach Schnitt, andere Szene, anderer Schauplatz, etwas anderes springt, fällt, fliegt und rennt durch die Gegend.

Unreine Mischungen

Richard Rushs Film ist ein einziges Unruhefeld. Stimmung, Haltung, Ton, nichts wird je arretiert. Ständig fällt das vom Komischen ins Drastische und zurück; vom Dramatischen ins Satirische und zurück; vom Amourösen ins Filmbusinesskritische und zurück. Oder bleibt irgendwo in der Mitte, produziert unreine Mischungen, gleitet nie von einer Stimmung und Sphäre zur nächsten, sondern schweigt, macht Krach, lacht, weint, wälzt sich in Farbeimern, sublimiert, brüllt, es ist, als drehte da ständig einer wild von Sender zu Sender im Radiofrequenzband.

Drei Oscar-Nominierungen und kein Preis. Kein richtiger New-Hollywood-Film, aber auch sonst keine Schublade, in die er passt. Die Karriere von Richard Rush war danach fast vorbei. Einer kam noch, vierzehn Jahre später, „Color of Night“ mit Bruce Willis, leider nicht so interessant. Aber eigentlich war für diese Art Energie und Wildheit, Lust an Durcheinander und Wirrnis, Bereitschaft zum Kontrollverlust kein großer Bedarf mehr. Falls es diesen Bedarf in Hollywood jemals gab. Nicht dass „Der lange Tod des Stuntman Cameron“ ein gelungener Film wäre. Zum Glück. Er ist nämlich mehr, indem er das Kategorienfeld geradezu pulverisiert, in dem man gelungene von nicht gelungenen Filmen säuberlich unterscheidet. EKKEHARD KNÖRER