unterm strich

Der Status ist lästig: immer nur Witwe sein. Das gilt nicht nur für Yoko Ono, das galt auch für Alice Coltrane. Stets wurde sie nach dem frühen Tod von John Coltrane 1967 nur im Zusammenhang mit dem Erbe des großen Saxofonisten erwähnt. Dabei hatte die 1938 in Detroit als Alice McLeod geborene Pianistin die besten Voraussetzungen für eine Karriere: Bereits mit sieben Jahren lernte sie klassisches Klavier und verdingte sich schon Anfang der 50er-Jahre als Pianistin in diversen Bebop-Formationen (unter anderem auch bei Yusef Lateef), bevor sie zum Studium nach Frankreich übersiedelte, um unter der Regie von Bud Powell ihr improvisatorisches Talent zu verfeinern.

Nach ihrer Heirat ersetzte sie dann 1965 McCoy Tyner in der Band von John Coltrane und nahm so legendäre Platten wie „Live at the Village Vanguard Again!“ oder „Stellar Regions“ mit auf, bevor die Band nach dem Tod ihres Leaders auseinanderging. Oder besser: in das Alice Coltrane Trio transformierte – die meisten ihrer Alben sind weiter mit Jimmy Garrison am Bass und Rashied Ali am Schlagzeug eingespielt. Zusätzlich arbeitete Alice Coltrane gerne mit dem Saxofonisten/Flötisten Paroah Sanders, mit Joe Henderson oder Archie Shepp. Diese Hall of Fame wurde in den 70er-Jahren noch um Gitarrengniedler wie Carlos Santana oder John McLaughlin erweitert.

Wie aber war solch eine Stilvielfalt machbar? Alice Coltrane war eine Komponistin, die in Layers dachte, die ihre Stücke wie einen fliegenden Teppich zusammenwebte, auf dem die Gäste Melodien ausprobieren konnten. Ihr eigenes Klavierspiel dagegen blieb zumeist wuchtig auf lang nachhallende Akkorde reduziert. Noch wunderbarer war aber ihr Harfenspiel, deren Crescendo-Technik als eine Art sphärisches Rauschen zu ihrem Markenzeichen wurde, etwa auf dem 1971 veröffentlichten Album „World Galaxy“, als Psychedelic Jazz at its best. Dann störte es auch nicht wirklich, dass die Musik dem Hindu-Gott Krishna gewidmet war. Zuletzt hatte sie 2004 auf „Translinear Light“ nach 26 Jahren Pause eine zwischen Gospel und Free Jazz schwebende CD aufgenommen. Nun ist Alice Coltrane am letzten Freitag mit 69 Jahren gestorben. May someone out there bless her soul.