WAHLDEBAKEL IN FRANKFURT: DIE SPD HAT DIE METROPOLE VERLOREN

Zerrieben zwischen den Milieus

Er war der falsche Kandidat zur falschen Zeit am falschen Ort. Entsprechend heftig fiel die Ohrfeige für den SPD-Kandidaten für das Amt der Oberbürgermeisterin in Frankfurt am Main aus. Gerade noch 27,5 Prozent der ohnehin armseligen 33,6 Prozent der Wahlberechtigten, die am Sonntag noch in die Wahllokale statt zum Brunch gingen, votierten für den Sozialdemokraten Franz Frey.

Bei ihrem dritten Wahlerfolg demütigte die CDU-Amtsinhaberin Petra Roth ihren Kontrahenten und die SPD gleich mit. Mit 60,5 Prozent erhielt die 62 Jahre alte Frontfrau der schwarz-grünen Koalition im Rathaus mehr als doppelt so viele Stimmen wie der blasse 59-Jährige von der SPD.

Frey kündigte umgehend seinen Rückzug vom Amt des Kreisvorsitzenden an. Die Führung der Partei sprach dennoch trotzig von einem „Achtungserfolg“. Bescheidenheit ist angesagt, denn Führungskraft ist die SPD in Stadt und Land schon lange nicht mehr. Hin- und hergerissen zwischen dem in der Historie der Partei verwurzelten Anspruch, der Anwalt der „kleinen Leute“ zu sein, und dem Willen, es sich nicht mit den Bossen aus den Wolkenkratzern zu verderben, schwankt die SPD frei nach Schillers „Wallenstein“ „wie ein Rohr im Wind durch die Zeitgeschichte“. Gewählt wird man dafür selbstverständlich nicht (mehr).

Und das Fatale für die Partei: Es ist kein Ausweg aus dem Dilemma in Sicht. Mit ihrer pragmatischen Politik ganz ohne Pathos und auch Visionen bleiben Union und Grüne auf lange Sicht die Favoriten der gelangweilten Citoyens in den Banken und Werbeagenturen, den Anwaltskanzleien und Zeitungsredaktionen, auf dem Börsenparkett und auch bei den Kulturschaffenden, die von „denen im Römer“ eigentlich nur in Ruhe gelassen werden wollen. Und um die Modernisierungsverlierer im Gallusviertel kümmert sich inzwischen auch die „Linke“ – ohne Störfeuer aus Berlin und deshalb für viele glaubwürdiger. „Parmesan und Partisan. Alles wird zerrieben!“, konstatierte einst Matthias Beltz. Inzwischen ist auch bei der SPD alles Käse.

Klaus-Peter Klingelschmitt