JEAN PETERS POLITIK VON UNTEN

Ideologisches Knutschverbot

Wie das Wirrwarr privaten Politisierens linke WGs ausleiern kann. Bis Küssen in der Küche verboten wird

Das Private ist politisch. Den Spruch kennen wir alle, und er wirkt auf mich schon ganz gut ausgeleiert. Ganz, gut und ausgeleiert. Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen.

In einer meiner privat-politischen WGs schauten wir uns zu allem Kuddelmuddel, den dieses private Politisieren bei uns ergab, auch noch neue MitbewohnerInnen an. Kurz zuvor war der Streit der Antideutschen gegen die AntiimperialistInnen durch unsere Räume gezogen, die ideologischen Nervenkostüme lagen blank. Dazu noch eine kleine Antisexismusdebatte – und schon waren jetzt einige Zimmer frei.

So saßen wir am Tisch. Mit Tee oder auch Kaffee, mit Milch oder ohne (frisch/bio/Tetrapak). Uns gings ums Ganze, ums Gute. Das hatte uns ausgeleiert.

Doch wir hatten einen Plan, mit dem wir uns vor weiteren Konflikten schützen wollten. Ich werde noch heute, fast zwei Jahre später, auf diesen Plan angesprochen. Gossip der Berliner linken Szene. Nach Tee und Kaffee schauten wir in die Runde: „Wer soll diesmal? Du? Ich?“ Und wir fragten die Bewerberinnen die zwei Fragen, von denen alles abhing. Räuspern. Was hältst du vom Existenzrecht Israels? Atemzug. Es ging um ein WG-Zimmer. Klick, klick machte es in den Köpfen. Wer schon tief in der Szene drin war, wusste, worum es geht. Sofort. Hier leben also Antideutsche.

Wurde der Test bestanden, kam die nächste Frage, die sich eiligst auf Partys verbreitete: Wir haben ein Knutschverbot in der Küche. Geht das für dich klar? Die Bewerbungsgespräche wurden zu einem privat-politischen Parteibuch, genährt aus Tränen und Schreien der vergangenen Monate. Liegt diese Wohnung in einem freien Land, in dem knutschen kann, wer wen wo will? Oder sind die Grenzen die Summe aller Bedürnisse, auch der empfindlichsten? Am Ende des Streits stand eine Abstimmung im WG-Plenum. Sieben zu eins für Knutschverbot.

Verletzungen werden am besten mit Ideologien verschleiert. Dann gehts ums Ganze. Um das Gute. Oder zumindest gegen das Schlechte. Aber wenn wir mit solch riesigen Begriffen um uns werfen, ist es nicht nur eine wirksame Verteidigung, es ist auch eine wirksame Erstickung.

Beschimpf ich dich als SexistIn, stehen wir erst mal da, einen großen Ideologie-Klops zwischen uns. Und „Das hab ich nicht sexistisch gemeint“ können wir alle sagen. Bist. Du. Trotzdem. Dabei verblasst alles Persönliche und es zählt vor allem die Ideologie, das „Richtige“. Und es leiert uns aus.

In fast jeder linken Wohnungsanzeige steht mittlerweile, man sei nicht dogmatisch. Doch wenn alle dogmatisch-undogmatisch werden, ist auch schon alles egal. Und „das Politische“ beginnt zu greifen. Der Postmarxist Ernesto Laclau beschreibt „das Politische“ als Moment, in dem rational nicht entscheidbare Konflikte durch Machtverhältnisse gelöst werden. Sieben zu eins am WG-Tisch.

Der Autor ist Clown und politischer Aktivist Foto: S. Noire