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Überschätzt? Unterschätzt? Piroschka Dossi untersucht die Mechanismen von Hypes und Abstürzen in der Kunst

Wie wird Kunst zur teuren Ware ? Warum erzielt die moderne Kunst in Auktionen heute Spitzenpreise? Piroschka Dossi führt die Leser durch den „schillerndsten Spross der kapitalistischen Gesellschaft“. Im Kunstmarkt, meint sie, verzahnten sich auf engste künstlerische Freiheit und kapitalistische Zwänge. Wenn aber ihre These wahr ist, dass die Kunstbewertung zunehmend von Marktinteressen dirigiert wird, dann müsste diese Freiheit etwa so bedeutend sein wie der Kulturpreis der BZ, den Jörg Immendorff im Jahr 2004 dankend entgegennahm. Zwei Jahre später illustrierte der Künstler die Bild-Bibel – eine Kooperation, die im taz-Nachruf auf Immendorff freundlich als „Ausbruch aus dem elitären Kunstbetrieb“ interpretiert wurde. Ist der Weg von der Mao- zur Bild-Bibel nun die konsequente Entwicklung im Leben eines nach Erfolg strebenden Künstlers, der dem Volk immer nah zu sein glaubte? War Immendorff tatsächlich ein genialer Visionär oder doch eher ein gehypter Konformist? Der goldene Schröder sein Vermächtnis?

Dossi leitet den aktuellen Hype um die moderne Kunst jedenfalls mit Tulpenzwiebeln ein: Einst in Gold aufgewogen, trieben sie beim holländischen Tulpencrash 1637 ihre Liebhaber in den Ruin. Als aktuelles Beispiel in der Kunst skizziert sie den Werdegang des Charles Saatchie um die „Young British Artists“. Dossi zeigt, wie der Milliardär dank seiner guten Kontakte zur Thatcher-Regierung Einfluss auf die Besetzungsposten staatlicher Museen erlangte. Für acht Millionen Dollar erwarb der Spekulant einst den Tigerhai von Damien Hirst, machte Hai und Hirst zu Ikonen der neuen britischen Kunstszene. Einem Hype kann eigentlich nur der Absturz folgen. Diesem versuchte der inzwischen selbst finanzstarke Künstler Damien Hirst zu entkommen, indem er seine von Saatchie zur Versteigerung angebotenen Werke zurückerwarb, um sie so vor dem Preisverfall zu retten. Kürzlich präsentierte Hirst das „teuerste Kunstwerk der Welt“, einen mit Diamanten im Wert von rund 80 Millionen Dollar besetzten Totenschädel. Ein „tödlicher Kommentar zur kommerzialisierten Kunstwelt“, philosophierte ein englischer Kritiker, während andere abgestürzte YBA-Stars zwecks Lebenserwerbs heute hochwertiges Reisegepäck basteln. Die Mechanismen zwischen Künstler, Galerist und Markt werden in diesem sehr unterhaltsamen Buch exemplarisch aufgezeigt.

So direkt wie Tom Kummer geht die Autorin allerdings nicht vor. Der durch seine gefakten Star-Interviews bekannte Autor hatte jüngst in der SZ Damien Hirst knapp als den „überschätztesten“ und Dieter Roth als „unterschätztesten“ modernen Künstler bezeichnet. Dennoch bemängelt Dossi den allgemeinen Trend der Kunstkritik, sich einer Meinung möglichst zu enthalten. Aus lauter Angst vor dem Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe und Macht scheint für diese der Spruch „Alles ist möglich“ eine erleichternde Ausrede. Ist es wirklich so, dass einerseits die elementaren Gesetze der Ökonomie im Kunstmarkt außer Kraft gesetzt werden, es einerseits also keine sinkenden Preise gibt, andererseits aber auch kein Sammler mehr heute die Wahnsinnssummen für viele Werke bezahlt, die im Kunstboom der 80er hingelegt wurden?

Hier könnte sich eine weitere Untersuchung anschließen, warum nur die positiven Kunstrekorde, kaum aber Abstürze mediales Thema sind. Beispiel: warum Dieter Roth keinen großen Nachruf auf den Titelseiten sämtlicher Tageszeitungen bekam. Es ist vermutlich schlicht unmöglich, einen sich jeder Vereinnahmung widersetzenden Künstler pathetisch als „groß“ und „bedeutsam“ zu inszenieren, einen, der bereits 1961 die Werke der späteren Nobelpreisträger Grass und Böll wütend als „moralisierende Besserwisserei“ bezeichnet, zerhackt und mit Gelatine und Gewürzen zu „Literaturwurst“ für die Nachverdauung verarbeitet hat. Sogar, wenn er recht hat. WOLFGANG MÜLLER

Piroschka Dossi: „Hype. Kunst und Geld“. dtv, München 2007, 260 Seiten, 14,50 €