Islamophobe gegen Schoko-Kalender: Hass zu Weihnachten
Islamhasser mobilisieren gegen „muslimische“ Adventskalender und gegen Halal-Fleisch im Supermarkt. Die Hersteller sind überrascht.

Dass sich die Dinge in Wirklichkeit ganz anders verhielten, war den Islamhassern schon damals egal – sie witterten eine muslimische Weltverschwörung. Das musste jetzt auch die Schweizer Schokoladenfirma Lindt-Sprüngli erfahren, die seit zehn Jahren einen Adventskalender produziert, der mit orientalischen Motiven à la 1001 Nacht spielt: Die Vorderseite ziert eine Art Sultanspalast, davor stehen Männer in arabischer Tracht und auf Kamelen.
Man kann sich darüber streiten, ob die „Visualisierung der damaligen lokalen Lebensumstände“ in der „orientalischen Welt zu Christi Geburt“ – so das Statement von Lindt – so gelungen ist: Tatsächlich erinnert das Motiv eher an das Bagdad aus den Märchen als an Bethlehem unter römischer Herrschaft, mehr an den kleinen Muck als an das Jesuskind in der Krippe. Aber darum geht es den Islamhassern gar nicht.
Seit das antimuslimische Hetzportal „pi-news“ unter der Überschrift „Lindt islamisert den Advent“ am 3. Dezember über den Schokoladenkalender berichtete, steht das Telefon bei Lindt-Sprüngli nicht mehr still, und die Social-Media-Administratoren der Firma haben alle Hände voll zu tun. In Hunderten von Online-Kommentaren empören sich Besucher über „Werbung für eine archaische Gesellschaftsordnung“ und angebliche Islam-Propaganda und drohen mit einem Boykott.
Bei Lindt ist man über diese Hasslawine überrascht und erschrocken. „Die haben das losgetreten“, sagt eine Sprecherin von Lindt über „pi-news“. Es sei noch zu früh zu sagen, wie sich die Kampagne des Hetzportals auf den Handel auswirke und ob das Unternehmen den Kalender im nächsten Jahr noch einmal auf den Markt bringen werde, sagte sie der taz. „Es geht nicht um den Adventskalender“, glaubt die Lindt-Pressesprecherin aber auch. „Das spiegelt eher die angespannte Gefühlslage zurzeit“. Zwar sei der Adventskalender nur in Deutschland erhältlich, aber auch aus der Schweiz und Österreich habe sich vereinzelt Protest geregt.
Kampagne gegen Halal-Fleisch
In Österreich erregt derweil ein vergleichbarer Protest die Gemüter. Nachdem die muslimfeindliche Hetzseite „unzensuriert.at“ angeprangert hatte, dass die Supermarktkette Spar in ihren Wiener Filialen testweise auch Halal-Fleisch angeboten habe, ging ebenfalls ein Shitstorm auf das Unternehmen nieder. Auf Facebook und Twitter beschwerten sich Fremdenfeinde, Islamhasser und angebliche Tierschützer, die Mitarbeiter der Supermarktkette wurden teilweise übel beschimpft. Da half es auch nichts, dass die Tiere vor ihrer Schlachtung betäubt wurden, wie Spar zu betonen nicht müde wurde. Nach dem religiösen Ritus werden die Tiere in der Regel nicht betäubt, aber es sind auch Ausnahmen zugelassen.
Das Unternehmen zeigte sich „traurig und schockiert“ und sprach von „unbegründeten (!) Vorwürfen“, knickte aber vor den Protesten ein und stoppte vorerst den Verkauf. Der Chef der rechtspopulistischen „Freiheitlichen Partei Österreichs“, Heinz Christian-Strache, dagegen jubelte: „Bürgerprotest zahlt sich aus“, frohlockte er auf seiner Facebook-Seite.
Für Europas Rechtspopulisten ist Halal-Fleisch – metaphorisch gesprochen – ein gefundenes Fressen, weil sich damit antimuslimische Ressentiments mit unverfänglichen Argumenten wie Tierschutz verbinden lassen. In Dänemark und den Niederlanden haben sie bereits erfolgreiche Kampagnen gegen Halal-Fleisch geführt und dafür gesorgt, dass die rituelle Schlachtung in ihren Ländern verboten wurde. In Frankreich setzt sich der Front National dafür ein, dass Halal-Fleisch aus den Schulkantinen verbannt wird, und auch der Konservative Nicolas Sarkozy hat sich diese Forderung inzwischen zu eigen gemacht.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Verkehrsminister wollen Kostensenkung
Luxusgut Führerschein
Anlegen nach dem Crash
Ruhe bewahren oder umschichten
EU-Vorgaben
Wo Deutschland hinten liegt