Griechenland kommt nicht zur Ruhe: Jährlich grüßt der Grexit-Geier
Erneut wurde eine Entscheidung über Finanzspritzen an Athen verschoben. Was ist mit der Eurokrise los? Eine Übersicht der Lage.
Auf die griechische Regierung kommt also harte Arbeit zu. Eine Erleichterung beim Schuldendienst wird auf die lange Bank geschoben. Zwar sprach die Eurogruppe erstmals darüber, ein Schuldenschnitt sei aber ausgeschlossen, sagte Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem nach einem Krisentreffen.
Denkbar sei dagegen, die Schuldentilgung weiter zu strecken und Zinsgewinne weiterzugeben, welche die Gläubiger mit Griechenland erzielen. Sie sollen aber erst ab 2018 eingeleitet werden. Vorher müsse Griechenland bis dahin ein Plus von 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung erzielen. Dazu soll die Regierung einen „Vorratsbeschluss“ auf den Weg bringen, damit bei einer Abweichung vom 3,5-Prozent-Planziel automatische Kürzungen in Kraft treten. Dennoch sprechen alle Beteiligten von großen Fortschritten. Die wichtigsten Fragen im Einzelnen:
Ist ein Grexit noch möglich?
Im Prinzip ja. Denn neben den neuen Auflagen muss Griechenland auch noch alte Vorgaben erfüllen, etwa Privatisierungen. Das dürfte schwierig werden. Außerdem ist noch nicht klar, ob der IWF Teil des Hilfsprogramms bleibt. Ohne den IWF will aber Schäuble nicht helfen.
Ist man vorangekommen?
Der griechische Premier Alexis Tsipras hat seinen Widerstand gegen die Austeritätspolitik aufgegeben und bisher alle Spar- und Reformauflagen auf den Weg gebracht. Ob sie tatsächlich umgesetzt werden und die von der Eurogruppe erhofften positiven Wirkungen entfalten, bleibt aber abzuwarten.
Werden die Griechen entlastet?
Das hängt von den Entscheidungen am 24. Mai ab. Bisher gibt es nur eine Analyse zur sogenannten Schuldentragfähigkeit, die ziemlich finster aussieht. Im schlimmsten Fall könnte die Schuldenlast bis 2060 auf 258 Prozent der Wirtschaftsleistung anwachsen (von derzeit 176). Erlaubt sind nur 60 Prozent.
Wie könnte die Entlastung denn konkret aussehen?
Der Eurorettungsfonds ESM schlägt vor, mehrere Maßnahmen zu kombinieren. So könnte man die Laufzeit für die Kredite aus dem Rettungsprogramm II verlängern, die Rückzahlung begrenzen oder die Zinsen für die Darlehen deckeln. Der ESM könnte auch die vergleichsweise hoch verzinslichen IWF-Kredite an Griechenland übernehmen.
Ist das ein Schuldenschnitt, der nicht so genannt wird?
Ja und nein. Ja, weil Griechenland so weniger schwer an seinen Schulden trägt. Nein, weil die Gläubiger auf keinen Cent verzichten. Vor allem fehlt der psychologische Effekt eines echten haircut: die Aussicht, dass die Schuldenlast schnell und spürbar sinkt.
Kann Schäuble zustimmen?
Es wird ihm wohl nichts anderes übrig bleiben. Zwar hat er die Eurogruppen-Sitzung kommentarlos verlassen; offenbar will er sich alle Optionen offenhalten. Doch sogar Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel fordert Erleichterungen für Griechenland. Auch der IWF besteht darauf.
Welche Reformen werden dem Land noch abverlangt?
Eine ganze Menge. Zwar wurden diesmal keine konkreten Sparvorgaben gemacht. Doch die neuen Pläne bedeuten eine Art Generalermächtigung für weitere Sozialkürzungen, Steuererhöhungen und Strukturreformen. Also genau das, was Premier Alexis Tsipras eigentlich verhindern wollte.
Was hat sich nun murmeltiermäßig geändert?
Nicht viel. Gemessen an der Schuldenquote steht Griechenland sogar noch schlechter da als vor einem Jahr. Immerhin räumt dies nun auch die Eurogruppe ein. Doch statt ihren Kurs zu korrigieren, fordert sie noch mehr Austerität.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Verkehrsminister wollen Kostensenkung
Luxusgut Führerschein
Anlegen nach dem Crash
Ruhe bewahren oder umschichten
EU-Vorgaben
Wo Deutschland hinten liegt