Polizeiruf "Schatten": Schweinsgalopp durch Problemzonen
Gierige Ärzte, Obdachlose und andere soziale Schieflagen - soziales Gewissen alleine macht noch keinen spannenen Krimi, wie im aktuellen Polizeiruf "Schatten" zu sehen ist.
Herrscht in Deutschland eine Zweiklassenmedizin? Auf keinen Fall – es herrscht vielmehr eine Dreiklassenmedizin; eine, die sich in Privatpatienten, Kassenpatienten und Personen ohne Papiere unterteilen lässt. In einer Gemeinschaftspraxis in Halle ist nun ein Streit darüber ausgebrochen, welche der drei möglichen Klienten man in Zukunft zu bedienen gedenkt.
Während Dr. Thomas Kugler gerne mittellosen Menschen und solchen ohne Aufenthaltsgenehmigung zur Seite stehen will, zielen seine Ehefrau und sein Praxispartner auf zahlungskräftigere Kranke ab. Nach einem weiteren heftigen Richtungsstreit liegt der idealistische Dr. Kugler tot hinter der Rezeption seiner Praxis.
Dieser Krimi will viel: Partei ergreifen für die Rechtlosen, allerlei gesellschaftliche Schräglagen ausleuchten und nicht zuletzt auch noch spannende Unterhaltung bieten. Wie gut, dass Kommissar Schmücke (Jaecki Schwarz) gerade mit dem Rauchen aufgehört hat, denn nun muss der alte Herr mit dem Kollegen Schneider (Wolfgang Winkler) durch die Elends-Soziotope sprinten: Drogenabhängigkeit und Obdachlosigkeit, Leben in der Illegalität und modernes Lohnsklaventum – das alles sind die Themen dieses „Polizeiruf“
Wirklich verweilen aber tut die Handlung weder hier noch dort, selbst wenn der gemütliche Schnauzer Schneider ein bisschen unter einer Brücke an der Saale abhängt, um dort Informationen bei einem jungen Clochard einzusammeln. Am Ende kriegt der netterweise noch fünf Euro für Zigaretten zugesteckt.
So lobenswert es ist, dass man beim MDR-„Polizeiruf“ vor einiger Zeit das soziale Gewissen entdeckt hat: Nach der Jugendgewalt-Episode „Fehlschuss“, nach der man in der ARD 2009 noch publicityträchtig eine Diskussionsrunde mit Anne Will heran gehängt hat, leidet auch „Schatten“ (Regie: Jorgo Papavassiliou, Buch: Renate Ziemer und Hans-Werner Honert) an einem krassen Missverhältnis von Engagement und Analyse. Man steigt nicht wirklich tief in die Themen ein; und Darsteller wie die ARD-Schauspielerin-Attrappe Sandra Speichert als ehrgeizige Arztgattin gleichen den Mangel an politischer Schärfe nicht eben aus.
Dass Schmücke mit dem Rauchen aufgehört hat, hilft hier jedenfalls nicht: Beim Schweinsgalopp durch die sozialen Problemzonen Sachsen-Anhalts geht den Ermittlern und den Drehbuchautoren recht schnell der Atem aus.
Polizeiruf 110: Schatten, So 20.15 Uhr, ARD
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