piwik no script img

Finanzkrise in PortugalSparpläne blockiert

Die Opposition in Portugal will das Sparpaket der Regierung aushebeln. Die Finanzmärkte sind nervös. Sie sorgen sich um die Stabilität des Euros.

LISSABON apn/rtr | Neben Griechenland kämpft auch Portugal in der Euro-Zone mit einem gewaltigen Haushaltsdefizit. Die Minderheitsregierung des sozialistischen Ministerpräsidenten José Socrates will die Neuverschuldung von 9,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im vergangenen Jahr bis 2013 wieder auf die vom Stabilitätspakt erlaubten drei Prozent senken – ohne Steuererhöhungen. Doch Gewerkschaften und die Opposition machen ihm das Leben schwer.

Auch die Finanzmärkte verfolgen die Entwicklung im ärmsten Land des westlichen Europas mit zunehmender Nervosität – denn es geht auch um die Stabilität des Euros. Eine Staatsanleihe mit einem geplanten Volumen von 500 Millionen Euro musste auf 300 Millionen Euro reduziert werden, weil es für den portugiesischen Staat immer teurer wird, Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen. Wie Griechenland muss das südeuropäische Land inzwischen deutliche Risikoaufschläge für seine Staatsanleihen bezahlen. An den Kreditmärkten wird befürchtet, dass Portugal seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Um fast fünf Prozent brach am Donnerstag die Börse in Lissabon ein. Es gebe wachsende Zweifel am politischen Willen einer raschen Reduzierung des Defizits, sagt der Ökonom Ben May von Capital Economics in London.

Ministerpräsident Socrates hat im Januar ein Sparpaket vorgestellt, das die Neuverschuldung in diesem Jahr auf 8,3 Prozent reduzieren soll. Der Chef einer Mitte-Links-Regierung will im öffentlichen Dienst Arbeitsplätze streichen und die Gehälter einfrieren. Die Gewerkschaften haben für Freitag zu ersten Protesten aufgerufen.

Wichtige Abstimmung im Parlament

Am Freitag sollte es zu einer Nagelprobe im Parlament kommen: Die Oppositionsparteien wollen es den zu Portugal gehörenden Inseln der Azoren und Madeira gestatten, weitere Schulden anzuhäufen. Das würde in den nächsten vier Jahren ein 400-Millionen-Euro-Loch in den Sparhaushalt reißen. Die Opposition verfügt über genügend Abgeordnete, um diesen Vorschlag im Parlament durchzubringen.

"Wir könnten in diesem kritischen Augenblick kein schlechteres Signal senden", warnte Finanzminister Fernando Teixeira dos Santos. Er kündigte an, den Vorstoß mit allen rechtlichen und politischen Mitteln stoppen zu wollen. "Es gibt im Leben Grenzen, die wir nicht überschreiten können. Dies ist eine von ihnen", sagte Teixeira dos Santos in einer Fernsehansprache. Regierungschef Socrates versuchte am Donnerstagabend noch einmal, den Chef der größten Oppositionspartei, Manuela Ferreira Leite, umzustimmen.

Die Lage ist ernst: Die Staatsverschuldung dürfte in diesem Jahr auf 85,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, nach 76,6 Prozent 2009. Die Regierung hatte wie andere Länder auch angesichts der Krise kräftig in die Wirtschaft investiert, zugleich stiegen Arbeitslosigkeit und damit die Sozialausgaben.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

1 Kommentar

 / 
  • DL
    Dr. Ludwig Paul Häußner

    Euro erfordert MwSt-Harmonisierung

     

    ----------------------------

     

     

    Ist es nicht eigenartig, dass wir seit Anfang der 1990er Jahre einen gemeinsamen Markt haben und seit knapp 10 Jahren den Euro als gemeinsame Währung und weiterhin unterschiedlich hohe MwSt-Sätze?

     

    In einem gemeinsamen Währungsraum sind Ab- und Aufwertungen nicht mehr möglich. Ansonsten hätten Griechenland, Portugal und Spanien ihre Währungen schon längst gegenüber Deutschland abwerten müssen - wahrscheinlich auch Italien und Spanien. Hier rächt sich die Politik der deutschen Handelsbilanzüberschüsse.

     

    Ausgabenkürzungen werden weder in den Südeuropäischen EU-Staaten ausreichen, um die öffentlichen Haushalte zu sanieren, noch in Deutschland und Frankreich.

     

    Der Euro-Raum braucht eine einheitliche, höhere MwSt. Die EU lässt derzeit einen Höchstsatz von 25% zu. Griechenland, Portugal, Spanien und auch Italien müssen die MwSt möglichst in einem Schritt oder zumindest in mehreren kürzeren Schritten auf 25% erhöhen. Auch Frankreich und Deutschland dürften über kurz oder lang nicht an einer höhere MwSt umhin kommen. Ungarn hat es zum 01. 07. 2009 mit einer MwSt-Erhöhung von 20% auf 25% getan!

     

    Tiefer liegender Grund ist der Wandel hin zur nachindustriellen Gesellschaft. In nachindustriellen Gesellschaften sind mehr und mehr Güter einfach nicht marktgängig - wie Bildung und Gesundheit. Zur Finanzierung dieser beiden Bereiche braucht es eine Grundfinanzierung aus allgemeinen Steuermitteln. Welche Steuer ist dafür geeigneter als die MwSt? Keine andere Steuerart hat eine solch breite Bemessungsgrundlage wie die MwSt - keiner kann sich ihr entziehen.

     

    Eine höhere MwSt schließt die Kluft aus privatem Reichtum und leerer öffentlicher Kassen. Die MwSt steht für mehr Fairness innerhalb der Gesellschaft. Sie ermöglicht individuelle wie unternehmerische Initiative und gewährleistet die Grundfinanzierung öffentlicher Güter.

     

    Die MwSt ist demokratisch in der Erhebung (keiner kann sich ihr entziehen) und vor allem sozial in ihrer Wirkung. Wer viel Einkommen hat, zahlt beim Ausgeben absolut viel MwSt, wer weniger Einkommen hat zahlt absolut weniger.

     

    Deshalb sollte die MwSt erhöht werden.

     

    Mehr dazu im Internet unter dem Suchbegriff:

     

    SANIERUNG DER STAATSFINANZEN IN MITTELFRISTIGER PERSPEKTIVE

     

     

    L.P. Häußner, Karlsruhe