Micha Brumlik
Gott und die Welt

Revolution ohne Mitleid: Der Ursprung der USA

Der umjubelte wie umstrittene, für mehrerer Oscars prämierte Film „Green Book“ – es geht um die Reise eines schwarzen Virtuosen durch die rassistischen Staaten des amerikanischen Südens – gibt Anlass, sich erneut der Geschichte der USA zu vergewissern. Sie waren, daran lässt die neueste historische Forschung keinen Zweifel, ein von Anfang an rassistischer Staat. Dieser Befund steht im Widerspruch zu einer prominenten Lesart moderner Freiheitsgeschichte, welche die US-amerikanische Revolution über die Französische Revolution, die im Terror geendet habe, stellt.

Einer der Ersten, der diese Sicht vertrat, war Hegel, 1807 in seiner „Phänomenologie des Geistes“. Doch sollte er mit dieser Sicht nicht alleine bleiben: Zumal Hannah Arendt schätzte die Amerikanische Revolution in ihrem 1965 auf Deutsch erschienenen Buch „Über die Revolution“ mehr als die Französische Revolution – mit einer freilich überaus merkwürdigen Begründung: Sei doch die 1776 erfolgte Amerikanische Revolution die Einzige geblieben, in der das Mitleid keine Rolle gespielt habe – und das trotz des – wie Arendt weiß – „furchtbaren und furchtbar erniedrigenden Elends der schwarzen Sklaven“. Sklaverei, so teilt die Denkerin politischer Freiheit weiter mit, sei weder für die damaligen Amerikaner noch für die das Land bereisenden Europäer ein Teil der sozialen Frage gewesen. Damit aber entfiel – und dieser Satz verdient, wörtlich zitiert zu werden – jedes Mitleid: „die stärkste und vielleicht gefährlichste aller revolutionären Leidenschaften“.

Arendt meinte tatsächlich, dass jeder Versuch, die soziale Frage mit politischen Mitteln zu lösen, im Terror enden müsse – ein Irrweg, der, wie sie einräumt, in einem Land, das unter dem Fluch der Armut stehe, nur schwer zu vermeiden sei. Allerdings, mit Blick auf die USA lässt sich dieser Umstand auch anders beschreiben: Ein Hauptwerk der neueren US-amerikanischen Gesellschaftsgeschichte, Gerald Hornes 2014 erschienene Untersuchung über Sklavenwiderstand und die Entstehung der USA trägt kurz und bündig den Titel „The Counter-Revolution of 1776“. Horne weist penibel nach, dass die Gründung des nordamerikanischen Staatenbundes, seine Lösung von der englischen Krone vor allem geschah, um eine künftige Befreiung der Sklaven zu verhindern. In England immerhin fand die Sklaverei mit dem „Slave Trade Act“ 1807 ihr gesetzliches Ende, in den USA erst nach dem Bürgerkrieg 1865.

Arendt ist also vorzuhalten, anstatt des kurzen Terrors revolutionärer Momente den Jahrhunderte währenden Terror eines rassistischen, allemal tödlichen Alltags von Millionen Menschen hinzunehmen. Das wurde in ­Arendts Fall zuletzt 1957 an ihren Einlassungen zu „Little Rock“deutlich – in einem Aufsatz, in dem sich die Philosophin gegen die vom Supreme Court zwangsweise eingeführten gemeinsamen Schulbusfahrten schwarzer und weißer Kinder wandte. Ihre Begründung lautete damals, dass der Schulbesuch nicht zur politischen Sphäre, in der sehr wohl strikte Gleichheit herrschen müsse, sondern „nur“ zur sozialen Sphäre gehöre.

Das gibt endlich Anlass, an der Vernunft ihres auf öffentliches Handeln beschränkten Begriffs von Politik zu zweifeln, der sich an der attischen Polis der Antike orientierte, wo Sklaven, Arbeitsimmigranten (Metöken) und Frauen nicht zählten.

Micha Brumlik ist Mitarbeiter am Zentrum für Jüdische Studien und lebt in Berlin.