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Lange Geschichte des Verhütens: Ein Museum klärt auf

Den Dung des Nilkrokodils verordneten die alten Ägypter ihren Frauen zur vaginalen Applikation. Aristoteles empfahl den Kretern Sex unter Männern. König Minos benutzte um 1200 v. Chr. eine Fischblase, Casanova schwor auf Baumwollbällchen, für den Papst gibt es nur Enthaltsamkeit. Familienplanung ist so alt wie die Zivilisation und hatte immer Gegner wie Befürworter. Vor allem, wenn es um Abtreibung geht, scheiden sich die Geister. Weil die jungen Menschen nach 40 Jahren sexueller Revolution immer noch erschreckend wenig über die menschliche Reproduktion wissen, hat der Wiener Gynäkologe Christian Fiala ein Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch eingerichtet, das seit 16. März geöffnet ist.

Die Krokodilstuhlprobe in der Phiole stammt nicht aus dem 19. vorchristlichen Jahrhundert, wie der Papyrus Petri, wo das effiziente Spermatozid neben Honig gepriesen wird. Die gefriergetrockneten Reptilienexkremente sind eine Spende des Tiergartens Schönbrunn. Doch sonst sind die Artefakte meist Originale, wie Kuratorin Susanne Krejsa versichert. Da gibt es an Samoware erinnernde Scheidenspülgeräte, Kondome aus Fischblasen, Schwämmchen, Kupferspiralen und natürlich Pillen aus der Früh- und Jetztzeit. Dazu jede Menge Texte, Videos und die Magnetresonanztomografie eines Geschlechtsverkehrs als Perpetuum mobile – eher unerotisch.

Nicht im Original zu sehen ist der südafrikanische Krallenfrosch, der in den 1940er-Jahren von einem brasilianischen Forscher als zuverlässiger Träger für Schwangerschaftstests entdeckt wurde. Ihm wurde der Morgenurin von Frauen unter die Haut gespritzt. War die Frau schwanger, entwickelte der Frosch binnen drei Stunden frisches Sperma. Obwohl das Verfahren rund 25 Jahre lang weltweit praktiziert wurde, erinnert sich heute kaum mehr jemand daran. Krejsa sieht die Aufgabe des Museums auch darin, solche Erfahrungen vor dem Vergessen zu bewahren.

Finanziert wurde die Sammlung größtenteils aus dem Nachlass von Fialas Vater. Von Parteien oder Firmen wollte man nicht abhängig sein. Eine weise Entscheidung: Kaum war das Museum eröffnet, meldete sich die ÖVP zu Wort. Man brauche kein „Tötungsmuseum“. Josef Preßlmayer, Kurator des „Ersten Europäischen Lebensschutz-Museums“, tobt auf einer christlich-fundamentalistischen Website, dass eine Privatschule der Erzdiözese Wien dem Kinderschlachthof des Lohnschlächters Fiala einen Besuch abstattet.

Tatsächlich ist der Abtreibung der kleinere Teil der Sammlung gewidmet. Außer dem wenig einladenden Küchentisch einer Engelmacherin und den Geräten für eine Kürettage werden vor allem Berichte über Strafverfahren gegen AbtreibungsärztInnen und deren Klientinnen sowie erschreckende Statistiken über die tödlichen Folgen illegaler Eingriffe ausgestellt. Dokumente über den Feldzug der Feministinnen gegen das Abtreibungsverbot ergänzen die Schau. In Österreich hatten sie 1975 Erfolg: Seitdem ist Abtreibung bis zur 12. Woche erlaubt. RALF LEONHARD

www.muvs.at