Für Frauen relevante Bücher

LESEN Die Hamburger Frauenbibliothek sammelt seit 1983 Lektüre von Frauen über Frauen. Das dazugehörige Lesecafé am Grindel ist wichtiger Treffpunkt

Die Hamburger Frauenbibliothek befindet sich im ersten Stock eines unscheinbaren Hauses im Hinterhof der Grindelallee 43. Steigt man die schmale Treppe hinauf, verläuft ähnlich einer Bordüre parallel zum Geländer ein langes schwarzes Brett. „Liebe Frauen“ ist auf den meisten der dort angepinnten Zetteln zu lesen, sei es ein Wohnungsgesuch oder die Einschreibeliste für einen Freizeitkurs.

Bereits seit 1983 bietet die Bibliothek frauenrelevanten Themen einen Raum. Begonnen mit einem kleinen Regal, in das vielleicht 50 Bücher passten, wuchs der Bestand innerhalb weniger Jahre stark an. Der Andrang erlebte in den 90er-Jahren seine Hochphase, sodass die Bibliothek von der Juliusstraße in der Schanze in die größeren Räumlichkeiten in der Grindelallee umziehen musste. „Die Frauen haben wirklich Schlange gestanden“, erinnert sich Elsbeth Müller, die Leiterin der Frauenbibliothek. Heutzutage würden deutlich weniger Frauen ein Buch ausleihen.

Warum das so ist, kann Frau Müller sich selbst nicht erklären. „Natürlich hat das Internet im Laufe der Zeit das klassische Sachbuch nahezu abgelöst“, sagt sie nach kurzem Zögern. „Viele Menschen neigen tendenziell auch eher dazu, sich Bücher zu kaufen oder nutzen im Bedarfsfall lieber die städtischen Bücherhallen. Deren Angebot ist weiter gefächert.“

Die Frauenbibliothek konzentriert sich ausschließlich auf frauenrelevante Themen, wie den Spagat zwischen Beruf und Privatleben, die lesbische Liebe und die geringere Bezahlung einer Frau. Auch die Autorinnen sind größtenteils weiblich. „Ich schätze den Anteil der von Männern geschriebenen Bücher in unserem Bestand auf weniger als fünf Prozent“, sagt Mitarbeiterin Hannelore Wilke. Und stoße man doch einmal auf ein von einem Mann verfasstes Buch, sei es höchstwahrscheinlich eine Biographie. Über eine Frau.

„Es geht eben bewusst nicht um die Ansichten, die Männer auf die Welt haben, sondern darum, was Frauen wichtig finden. Wie gewichten sie die Dinge? Und welche Zukunftsperspektiven haben sie?“, erklärt Wilke. Momentan besäße auch nur ein Mann einen Leseausweis der Hamburger Frauenbibliothek. Ein Student, der eine Hausarbeit über die Genderforschung schreiben muss.

Bis 2003 wurde dieser Raum für den Austausch von Frauen staatlich finanziert. Dann gab es einen Regierungswechsel und mit der CDU eine Mittelkürzung um erst fünfzig und einige Jahre später hundert Prozent.

Seitdem ist die Betreiberin, der Frauenbildungsverband „DENKtRÄUME“, für ihre Bibliothek auf Spenden angewiesen. Neue Bücher werden durch Verlagsspenden erworben, im Gegenzug wirbt die Bibliothek auf ihrer Internetseite dafür. Doch auch an Sachmitteln fehlt es. „Es geht schon um die banalsten Dinge wie Stifte, Papier, Druckerpatronen. Selbst die Etikettierung der neuen Bücher kostet Geld“, sagt Hannelore Wilke.

Der Mitgliedsbeitrag von jährlich 46 Euro kann das auch nicht wieder auffangen. Neben der Bücherausleihe bietet „DENKtRÄUME“ regelmäßig Veranstaltungen. Beim „Bücher-Café“ werden bei Kaffee und Kuchen druckfrische frauenpolitische Werke präsentiert, regelmäßig gibt es Leseabende und ab und zu wird auch zu einer Autorinnenlesung eingeladen. Aktuell läuft eine Kampagne zur „Carerevolution“, die auf die Unterbezahlung der in der Regel von Frauen ausgeübten Pflegejobs aufmerksam machen will. „Bei unseren Veranstaltungen müssen wir regelmäßig Frauen wegschicken, weil der Platz nicht ausreicht“, berichtet Elsbeth Müller.

Dass der Feminismus heutzutage keine Bedeutung mehr hat, glaubt sie nicht. „Vor zwei Jahren gab es auf Twitter doch erst die Aufschrei-Lawine“, sagt sie und erinnert an die heftigen Debatten über den Sexismus im Alltag, nachdem der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle einer Journalistin gegenüber anzüglich geworden war. Unter dem Hashtag „Aufschrei“ wurden tausende Twitterbeiträge verfasst, in denen Frauen selbst erlebte Vorfälle beschrieben. „Das Thema ist nach wie vor aktuell“, findet Müller. „Die jungen Feministinnen sind da draußen.“ Jetzt müssen sie nur noch die Bibliothek für sich entdecken.