Podcast zur Frauenbewegung ab 1968

„Das Ziel ist ein anderes“

Die Fronten zwischen Queer- und Radikalfeminismus scheinen verhärtet. *Trans Rapperin FaulenzA und Aktivistin Manuela Schon gehen ins Gespräch.

Christopher Street Day in Stuttgart: Ein Mensch von hinten mit einer rosafarbenen Kurzhaarperücke, nacktem Rücken und einem regenbogenfarbenem Fächer

Gemeinsam kämpfen – unmöglich? Foto: imago/Arnulf Hettrich

Verdrängt der Queerfeminismus die Anliegen des ursprünglichen Feminismus aus dem Bewusstsein? So lautet zumindest ein Vorwurf des Radikalfeminismus. Der Queerfeminismus hingegen fordert, sich mehr mit eigenen Privilegien aufgrund von Herkunft und Hautfarbe zu beschäftigen und eigenes Diskriminierungsverhalten zu reflektieren.

Doch diesen Vorwurf verstehen manche Radikal- und andere Feminist*innen als Sprechverbote. So hat sich der Konflikt um den Queerfeminismus im letzten Sommer hochgeschaukelt und endete in großen Zeit-Artikeln des Duos Judith Butler und Sabine Hark und von Alice Schwarzer, die sich darin gegenseitig antworteten, aber tatsächlich wenig auf die Argumente der jeweils anderen Seite eingehen.

In unserem taz-Podcast wollen wir genau das versuchen – und zwar auf der einen Seite mit Manuela Schon. Sie ist Mitglied des radikalfeministischen Bloggerinnenkollektivs Störenfriedas, das sich kritisch gegenüber dem Queerfeminismus geäußert hat. Und auf der anderen Seite mit FaulenzA, *trans Rapperin, Aktivistin und Autorin des Buches „Support your Sisters not your Cisters“.

Manuela Schon, Jahrgang 1982, aus Wiesbaden, ist Soziologin, Aktivistin und Mitglied des radikalfeministisches Bloggerinnenkollektiv „Störenfriedas“.

Manuela Schon hat einen Kritikpunkt an dem Buch: Das Kapitel über Morde an *trans Frauen unter anderem in der Prostitution sei das Kürzeste und es nehme nicht in den Blick, dass die Täter in der Regel Männer seien. „Mir ist beim Thema Prostitution generell wichtig, zu sehen, welche Rolle Männer in der Prostitution haben, was für einen Blick sie auf Frauen in der Prostitution und auf Frauen in der Gesellschaft generell haben.“

Es geht in Diskussion auch um Begrifflichkeiten . Für FaulenzA ist es als *trans Frau wichtig, dass es auch einen Begriff für das Gegenteil von *trans gibt: „Sonst gibt es nur *trans und das Andere und das Andere wird dann als das Normale gesehen. Anstatt zu sagen, dass *trans auch normal und gut ist.“ Manuela Schon lehnt es allerdings ab, sich selbst als *cis Frau zu bezeichnen, nur weil sie sich auch mit dem Geschlecht identifiziert, das sie bei ihrer Geburt zugewiesen bekam. „Ich identifiziere mich aber nicht mit den Erwartungshaltungen, die an eine Frau gestellt werden. Deshalb will ich nicht als *cis Frau bezeichnet werden.“

Aber worum geht es beim Streit zwischen Radikal- und Queerfeminismus eigentlich? Um einen unterschiedlichen Fokus im feministsichen Kampf? „Ich glaube, auch das Ziel ist ein anderes“, meint Manuela Schon. „Im Queerfeminismus ist das Ziel die Selbstermächtigung in den bestehenden Strukturen. Im Radikalfeminismus wollen wir ganz andere Strukturen.“ Dem kann FaulenzA nicht zustimmen. Ihr geht es um beides – und bei der Abschaffung bestehender Strukturen nicht nur um das Patriarchat sondern auch um den Kapitalismus.

FaulenzA, Jahrgang 1987, aus Berlin, ist Rapperin, *trans Aktivistin und Buchautorin. Im November erscheint ihr neues Album „Wunderwesen“.

FaulenzA kreidet außerdem an, dass Radikalfeministinnen *trans Frauen nicht nur den Zugang zu Frauenräumen, sondern sogar zu Frauentoiletten verwehren wollen. „*Trans Frauen nicht als Frauen anzuerkennen, ist Diskriminierung“, sagt sie. Manuela Schon erzählt dazu: „Frauen in meinem Umfeld, die sexuelle Gewalt erlebt haben, können sonst nicht auf die Toiletten gehen, weil sie sonst damit rechnen müssen, eventuell einen Penis zu sehen. Mit einem schweren Trauma geht das nicht.“ FaulenzA besteht darauf, *trans Frauen in Frauentoiletten zu akzeptieren. Wären abschließbare Toiletten mit jeweils eigenen Waschbecken dann nicht eine Lösung? – fragt Manuela Schon, FaulenzA stimmt dem zu.

Zum Schluss betont Manuela Schon die Wichtigkeit davon, zusammen gegen Ungerechtigkeit und das Patriarchat zu kämpfen, FaulenzA wiederholt ihr Lieblingsmotto: „Let's be careful with each other so can be dangerous together.“ (Auf Deusch: „Lasst uns achtsam miteinander umgehen, damit wir zusammen gefährlich sein können.“) Dass Radikal- und Queerfeminist*innen gemeinsam a einem Strang ziehen, ist also wohl doch nicht völlig unmöglich.

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Hier können Sie sich das ganze Gespräch zwischen FaulenzA und Manuela Schon anhören – über feministische Ziele, Prostitution, Zugang zu Frauenräumen und den Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus:

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Vom 9. bis zum 14. September 2018 veröffentlichen wir täglich ein neues Podcast-Gespräch zu feministischen Streitthemen auf taz.de und unseren Kanälen bei Spotify und iTunes. Alle Gespräche erscheinen zum Jahrestag des Tomatenwurfs am 13. September gedruckt in der taz. Mit diesem Spezial launchen wir außerdem auf taz.de einen Schwerpunkt zu feministischen Themen. Schließlich steht die taz seit 40 Jahren für kontinuierliche feministische Berichterstattung.

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LGBTQIA gibt es auf der ganzen Welt. Feminismus ist längst nicht mehr nur Frauensache. Trotzdem leben nicht alle Menschen unter den gleichen Bedingungen.

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