Kommentar Papst-Zitate zu Abtreibungen

Tödliches Dogma

Papst Franziskus vergleicht Schwangerschaftsabbrüche mit Nazi-Praktiken – eine Anbiederung an religiöse FundamentalistInnen.

Papst Franziskus

Denkt er auch an die vielen Frauen, die jährlich an illegalen Abtreibungen sterben? Foto: Reuters

Dass der Papst Schwangerschaftsabbrüche verteufelt, ist nicht neu. Vor zwei Jahren bezeichnete er Abtreibungen als „grauenhaftes Verbrechen“: Es sei zu einer „Gewohnheit“ geworden, Babys vor ihrer Geburt zu „entfernen“, unterstellte er damals in einem Interview mit dem italienischen Fernsehen.

Nun geht er einen Schritt weiter und vergleicht Abtreibungen mit nationalsozialistischen Praktiken der Vernichtung sogenannten unwerten Lebens. „Im vergangenen Jahrhundert hat sich die ganze Welt über das aufgeregt, was die Nationalsozialisten gemacht haben“, sagte Franziskus. „Heute machen wir das mit weißen Handschuhen.“ Ärzte rieten Schwangeren offenbar, Embryonen mit Behinderungen abzutreiben. Um ein „ruhiges Leben“ zu haben, werde Leben ausgelöscht.

Nicht zufällig äußert sich der Papst gerade jetzt: wenige Tage nachdem das Parlament seines Heimatlandes Argentinien für die Legalisierung von Abtreibungen gestimmt hat; und wenige Wochen bevor er nach Irland reisen wird, wo sich eine große Mehrheit der ­IrInnen Ende Mai ebenfalls für eine Straffreiheit von Abbrüchen bis zur zwölften Woche ausgesprochen hat.

Die Aussage des Papstes ist in diesem Kontext nicht nur eine Positionsbestimmung der katholischen Kirche, auf deren Liberalisierung manche umsonst gehofft hatten. Sie ist auch ein Signal an religiöse FundamentalistInnen, deren Duktus Franziskus ganz offen bedient: ultrakonservative ChristInnen und die radikale Lebensschutzbewegung, die etwa den Begriff „Babycaust“ prägten und weltweit zum Teil breite Schnittstellen mit rechten Parteien ­haben.

Der Beschluss in Irland und der in Argentinien wurden von diesem Milieu entsetzt kommentiert. Nun beruhigt das katholische Oberhaupt seine Schäfchen. Wer sich zu diesen nicht zählen darf, ist spätestens jetzt klar: rund 47.000 Frauen, die laut Weltgesundheitsorganisation jährlich durch illegale Abtreibungen sterben, darunter viele in erzkatholischen Ländern. Das Dogma des Papstes ist tödlich.

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Jahrgang 1979, ist seit 2012 bei der taz. Sie war Chefin vom Dienst in der Berlinredaktion, hat die Seite Eins gemacht und arbeitet jetzt als Redakteurin für Gender und soziale Bewegungen im Inland.

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