Verpflichtende Fahrtests für Senioren

Die alten Gefährder

Sorgen Fahrtests für Senior*innen für mehr Sicherheit? Vielleicht. Deutsche Verkehrspolitik traut sich trotzdem nicht an den größten Risikofaktor: Autos.

Ein Mann mit weißen Haaren fährt Rad

Wie das Auto bedeutet auch das Fahrrad für Menschen Auto(!)nomie Foto: Sebastian Wells

Meine Oma war eine mobile Frau. Mit zunehmendem Alter hatte sie einen zunehmend vollen Terminkalender: Wassergymnastik, Lesegruppe, Kleingarten. Später kamen immer mehr Arztbesuche dazu. Zu ihren Terminen fuhr sie meist allein. Nur manchmal fragte sie, ob jemand mit dem Auto eine Ladung Pferdemist für den Garten vorbeibringen könnte.

Meine Oma liebte ihr Rad mit tiefem Einstieg, weil sie die Knie nicht mehr so hoch heben konnte. Es machte alle Wege leichter und meine Oma zu einer unabhängigen Frau. Dann stürzte sie. Erst einmal, dann wieder. Das Rad, so entschieden die Kinder, musste in den Keller. Meine Oma protestierte, weinte, aber gab schließlich nach.

Wenn gerade wieder über verpflichtende Fahrtests für Se­nior*innen über 75 Jahren diskutiert wird, dann muss es vielen älteren Menschen ähnlich gehen. Was der einen das Rad, mag anderen der klapprige Toyota sein. Anders als bei der ewigen Diskussion um ein Tempolimit, geht es hier nicht nur um die Beschneidung eines Privilegs.

Fahrtests für Senior*innen könnten bedeuten, dass das letzte Stück selbstbestimmte Mobilität in der Garage verstaubt oder auf dem Schrottplatz sein Ende findet. Das macht Angst, vollkommen zu Recht. Denn die Alternative zum Selbstfahren heißt in der aktuellen, infrastrukturellen Realität Deutschlands häufig: zu Hause bleiben oder abhängig sein.

Es ist sinnvoll, misstrauisch zu sein

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) versteht das, so könnte man meinen, und will deshalb die Auto(!)nomie älterer Autofahrer*innen schützen. Er setze auf die Eigenverantwortung der betroffenen Se­nior*innen, die selbst ihre eigene „Fitness und Fähigkeiten im Straßenverkehr“ überprüfen sollten, sagte Scheuer den Zeitungen der Funke Mediengruppe am Mittwoch. Außerdem hätten Senior*innen zu Unrecht einen schlechten Ruf, wenn es um ihre Fahrtauglichkeit gehe: „Aus der Unfallstatistik ergeben sich keine Auffälligkeiten“, so Scheuer.

Es ist sinnvoll, misstrauisch zu sein, wenn Politiker*innen sich auf vermeintliche Erkenntnisse aus Wissenschaft oder Statistik berufen (siehe Jens Spahn und das Ende von Krebs). Nun hat Andreas Scheuer insofern recht, als Senior*innen entgegen häufigen Vorurteilen relativ selten Haupt­verursacher*innen von Unfällen sind. Zwar ist es richtig, dass im Alter häufiger Probleme wie Seh- und Konzentrationsschwächen auftreten. Und Ex­pert*innen sagen, dass ab 75 Jahren das Risiko deutlich steigt, einen Unfall zu verursachen. Laut Verkehrsstatistik waren im Jahr 2017 aber nur knapp 16 Prozent der für Unfälle verantwortlichen Autofahrer*innen 65 oder älter.

Was Scheuer aber auslässt, ist die Tatsache, dass das Risiko für diese Bevölkerungsgruppe, in einem Pkw zu verunglücken, seit 1980 um fast 25 Prozent gestiegen ist – was auch daran liegt, dass ältere Menschen heute häufiger das Auto nutzen. Und da sind wir eben wieder beim Auto und bei der Frage, ob wir womöglich nicht zuerst die Fahrer*innen, sondern das Verkehrsmittel an sich kritisieren sollten.

Das gefährlichste Verkehrsmittel

Natürlich sind das Problem nicht die Senior*innen, die aktiv am Straßenverkehr teilhaben wollen und müssen. Menschen nur wegen ihres Alters zu unterstellen, sie würden weniger gut Auto fahren als der Rest, ist diskriminierend. Fahrtüchtigkeit hängt von vielen Faktoren ab und regelmäßige Tests würden auch Mittvierzigern mit wenig Fahrroutine guttun. Wahr ist trotzdem: Das Auto ist nach wie vor das gefährlichste Verkehrsmittel.

Autominister Scheuer ignoriert mit seinem Plädoyer gegen Fahrtests erwartungsgemäß das, was gegen den Pkw spricht. Erstens die sozialstaatliche Pflicht, Teilhabe in Form von Mobilität zu gewährleisten, zum Beispiel durch bessere Busverbindungen in ländlichen Räumen oder kostenlose Nutzung des ÖPNV für Bedürftige.

Und zweitens die ökologische Verantwortung, sofort eine umweltfreundliche Verkehrspolitik voranzubringen, die konsequent auf andere Verkehrsmittel setzt als das Auto.

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Jahrgang 1990, seit April 2018 Volontärin bei der taz. Studierte Asien- und Afrikawissenschaften sowie Stadtforschung in Berlin und ist Redakteurin beim deutsch-chinesischen Onlinemagazin sinonerds. Interessiert sich besonders für Fragen rund um Heimat, Identität und Digitales.

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