Kommentar von Anja Maier

Noch kurz alle schönen Frauen im Raum bewundern? Brüderle bei einer Pressekonferenz. Bild: dapd
Pünktlich zum Erscheinen des aktuellen Stern haben sich die Jungs von „FDP Liberté“ etwas besonders Lustiges ausgedacht. Die Internet-Initiative der Liberalen postet auf Facebook „aus gegebenem Anlass“ eine blaue Viagra-Pille, Slogan: „Die Pille für den Aufschwung“. Selten so gelacht.
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Was ist der Anlass? Die Stern-Reporterin Laura Himmelreich hat ein Rainer-Brüderle-Porträt geschrieben. Der Fraktionschef möchte zur Bundestagswahl als Spitzenkandidat der FDP antreten – Zeit für einen ausführlichen Text über ihn. Die Journalistin Himmelreich berichtet aber nicht nur über Brüderles Herkunft, seinen politischen Werdegang und die FDP-internen Querelen, die aus einem 67-jährigen plötzlich den politischen Hoffnungsträger einer strauchelnden Partei machten.
Sie berichtet auch, und zwar detailgenau, von einem Abend vor einem Jahr, an dem Rainer Brüderle versucht hat, sie anzugraben. Mit Blick auf ihr Dekolleté bescheinigte er ihr, „ein Dirndl ausfüllen“ zu können. Als er sie um einen Tanz bittet, sagt Himmelreich: „Herr Brüderle, Sie sind Politiker, ich bin Journalistin.“ Darauf er: „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.“ Schließlich ging Brüderles Pressesprecherin dazwischen und führte den Testosteron-Politiker regelrecht ab.

Anja Maier
ist Korrespondentin im Parlamentsbüro der taz.
Foto: ArchivNoch am Morgen nach dem Dreikönigsball war die Übergriffigkeit des Fraktionsvorsitzenden Journalistengespräch. Dass Laura Himmelreich die Geschichte jetzt, ein Jahr später aufschreibt, macht nun ausgerechnet sie, das Opfer von Brüderles Sexismus, für ihre Kritiker zur Täterin. Dieser Reflex, die Komplettabwehr einer – ja – hässlichen Wahrheit ist der Skandal.
Schon wundert sich Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki gegenüber Spiegel Online larmoyant, „dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten." Und FDP-Präsidiumsmitglied Jörg-Uwe Hahn spricht von einem „Tabubruch“.
Ja, es ist ein Tabubruch. Aber es ist weiß Gott auch kein Vergnügen, sich als politische Berichterstatterin bei Hintergründen und Pressebriefings immer und immer wieder die Herrenwitze von Politikern anhören zu müssen, die geschlechterpolitisch irgendwo in den frühen sechziger Jahren stecken geblieben sind.
Rainer Brüderle, der in Berlin regelmäßig mit Bemerkungen über die schönen Frauen im Raum und die nicht minder attraktiven Weinköniginnen in seiner Heimat Rheinland-Pfalz glänzt, möchte schließlich nicht Sparkassendirektor werden, sondern in exponierter Stellung Politik für die Bürgerinnen und Bürger machen.
Die Häme, die nun über die Journalistin Himmelreich hereinbricht, die Abwertung und die Pöbeleien – dies alles sind sichere Anzeichen dafür, dass sie genau das Richtige getan hat: die trübe Seite des Gegengeschäfts zwischen Politik und Medien öffentlich zu machen. Ja, Journalisten wollen Informationen, und nein, es ist nicht unüblich, mit Politikern auch außerhalb von Pressekonferenzen zu reden. Aber es ist nicht hinnehmbar, dass Politiker meinen, sie seien qua Mandat unwiderstehlich. Und es ist ein Gradmesser für die Modernität in diesem Land, wie lange es wohl noch dauert, bis beide Seiten sich auf Augenhöhe begegnen.
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Leserkommentare
30.01.2013 17:25 | Rainer
Der letzte Absatz Ihres Artikels trifft es genau. Aber Sie hätten den Sparkassendirektor ruhig weglassen können, denn Dista ...
30.01.2013 03:06 | Hugo
Ab sofort nehme ich Feministen nicht mehr als seriöse Gesprächspartner wahr, sondern nur noch als verbohrte Ideologen. ...
29.01.2013 15:15 | Anne
Danke, super Kommentar! Mehr davon! Klasse!